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MEDEA
NACH EURIPIDES
100 MINUTEN, KEINE PAUSE

DAS STÜCK
Medea – wer war sie? Liebende, Mörderin, Flüchtling, Opfer? Das Theaterstück von Euripides führt den Konflikt zwischen Medea und ihrem Geliebten Jason auf menschliche Motive zurück, die sich über die Jahrtausende nicht verändert haben: Vertrauen, Eifersucht, Machtkonflikte. Das Stück, modern interpretiert, stellt Fragen – auch die nach der Rolle der Frau in einer von Männern bestimmten Welt. Die Welt der Priesterin Medea zerbricht, als Jason sie verlässt und aus Kalkül die junge Königstochter von König Kreon heiratet. Medea ist betrogen, verlassen, entehrt. Die bedingungslose Liebe existiert nicht mehr, eine Spirale der Zerstörung setzt ein. Gibt es einen Ausweg für die beiden? Der Fall „Medea“ – packend, modern, aufreibend.
IN DER ÜBERSETZUNG VON HUBERT ORTKEMPER
IN EINER STÜCKFASSUNG VON
SVEN GRUNERT / GANNA MADIAR

ES SPIELEN:
KATJA AMBERGER
KNUD FEHLAUER
RUDI KNAUSS
STEFAN LEHNEN
ANDREAS SIGRIST
LOUISA STROUX

REGIE:
SVEN GRUNERT

BÜHNE:
HELMUT STÜRMER

DRAMATURGIE:
SVEN GRUNERT / GANNA MADIAR

REGIEASSISTENZ:
MARIA WIMMER

KOSTÜME:
IRINA KOLLEK

REQUISITE:
LINDA VANKOVA

TECHNIK:
JÜRGEN BEHL
PHILIPP DEGÜNTHER
DAVID SCHRECK

AUFFÜHRUNGSRECHTE:
SUHRKAMP VERLAG

 

AUDIO

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PRESSESTIMMEN

 

Niemand entgeht seinem Schicksal
Mit „Medea“ beginnt die neue Spielzeit am Kleinen Theater in Landshut

Die Gesamtheit des Bühnenwesens hat etwas sehr Präzises, Mathematisches, Geometrisches in Sven Grunerts „Medea“-Inszenierung im Kleinen Theater in Landshut. Die Bühne (von Helmut Stürmer) ist ein Viereck, nach hinten verschlossen, runde Hocker stehen wie Lebenspilze, wie Spielsteine darauf herum. Sie sind programmatisch und durchgängig schwarz, ebenso die Kostüme (von Irina Kollek): großes Trauerausrufungszeichen. Plastikplanen deuten die Unbehaustheit Medeas an. Auf der Bühnenmitte ist ein kleiner Küstenabschnitt projiziert mit dem immergleichen Wellenschlag, Schicksalsschlag. Die alten Griechen, denen der Stückautor Euripides entstammt, waren ein Seefahrervolk. Mit „Medea“ erzählt er auch eine Seefahrergeschichte. Die akustischen Zeichen in dieser Echokammer der dunklen Temperamente, in der Worte wie „Rache“ und „Verrat“ in Blut an die Seiten geschmiert sind, sind denn auch Meeresrauschen, dazu ein pochendes Herz und ein melodischer Dreiklang, der sich allmählich zu einem feingesponnenen musikalischen Thema auswächst. Entlang der Dramatik der Handlung vermischen sich diese akustischen Ebenen. Das Licht dreht beständig von hellem Oberlicht, wenn Medea von anderen bei Lichte betrachtet wird (und falsch ist) auf düsteres Unterlicht, wenn Medea heimlich ihre Rache plant (und bei sich ist). Denn Medea ist der immerwährende Fluchtpunkt in dieser eindringlichen Bühnen-Geometrie.

Der Zirkelstich des Handlungskreises. Diese Frau ist dem aristokratischen Abenteurer und Seefahrer Jason gefolgt, hat ihn als göttergebürtige Magierin, die sie ist, aus gefährlichen Situationen gerettet, hat für ihn schreckliche Untaten begangen, hat zwei Kinder mit ihm, ist ihm aus dem randständigen Kolchis (der Kaukasus-Küste am Schwarzen Meer) ins zivilisierte Griechenland gefolgt. Dort verlässt Jason sie zugunsten einer Königstochter, Medea und die Kinder sollen verbannt werden. Sie ahndet das furchtbar. Die antike Dramenfügung: Jedes Tun gegen die gute Ordnung rächt sich. Niemand entgeht seinem Schicksal. Handle nie gegen den Willen der Götter, denn die sind brutal. Die Schauspielerin Louisa Stroux hat die Kraft und das Können, die Zentralstelle von Grunerts Inszenierung zu füllen und der Medea jene inneren Strömungen und äußeren Ansichten zu verleihen, die sie braucht.

Denn diese Figur ist dreierlei: zum einen die Ränkeschmiedin, die sich bei hellem Licht sauber zu verstellen weiß, wenn sie sich auch einmal vor Gram abwenden muss, als sie Jason von weiblicher Schwäche vorlügt. Zum zweiten die dämonische Meisterin ihres Magierfachs, unheimlich starrend, Rache sinnend, zuletzt finalen Todesschatten werfend: Diese Figur zelebriert auch die Furcht einer Seefahrernation vor den rätselhaften Gebräuchen der „barbarischen“ Völker. Und drittens: die verlassene Frau und Mutter. Hier, bei diesem Bruch des heiligen Eheversprechens, sind Figur und Inszenierung ganz in der Gegenwart angekommen – das merkte man auch an den Reaktionen im Premierenpublikum: Diese ganze alte attische Geschichte ist ja auch als krasser Ehekrieg interpretierbar. Stroux und der ausgesprochen charismatische Andreas Sigrist als Jason bekommen es denn auch hin, ihren Konflikt so hoch zu bauen, dass das ganze Handlungsgefälle logisch und kraftvoll abrinnen kann. Jasons fieses Lügengespinst streift Medea bildmächtig als Stoffnetz von sich ab.

Das Selbstverständnis des selbstsüchtigen Mannes und seine Fähigkeit, zum Eigennutz Unwahrheit zur Wahrheit zu erklären, bedient Medea klug, um ihrerseits Handlungsfreiheit zu bekommen. Auch Korinths König Kreon (kräftig majestätisch: Stefan Lehnen) fällt auf Medeas cleveres Understatement herein. Knud Fehlauer als Ägeus, Rudi Knauss als Erzieher und Katja Amberger als Amme ergänzen das Bild einer stimmigen und konzentrierten Inszenierung, die die Zeitlosigkeit und Bedeutsamkeit einer alten Geschichte sehenswert vor Augen führt.

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 7. Oktober 2019

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Euripides´"Medea" in den Landshuter Kammerspielen

Das Meer rauscht und kräuselt sich auf der Spiegelfolie des Bühnenbodens,  Klangwindspiele werden hörbar, statt Horizont eine graue Mauer. Das karge Bühnenbild Helmut Stürmers und die Kompositionen von Philipp Degünther versetzen den Zuschauer in einen meditativen Schwebezustand, den Medeas Schrei durchschneidet und schon ist man mitten drin in der Tragik „Medeas“. Das hat Wucht und bleibt eineinhalb Stunden spannend. 

Intendant Sven Grunert und Dramaturgin Ganna Madiar kürzten Hubert Ortkempers „Medea“-Fassung auf ein kompaktes Format, behielten zwar den Sprachduktus, wagten aber eine zeitgenössische Überarbeitung. Das Ergebnis ist eine  spannende „Medea“.

Katja Amberger treibt als Amme und in der Funktion des Chores die Handlung voraus, erzählt in knappen Worten das rigide Schicksal Medeas, die ihrem Geliebten Jason zuliebe zur Mörderin wurde, die Heimat verließ und nun im fremden Griechenland mit ihren beiden Kindern von Jason verlassen, von König Kreon verbannt wird, damit Jason durch die Heirat der Königstochter sich auf höchsten Niveau integrieren kann. Wie Katja Amberger das erzählt, ist großartig, mit eindringlicher Stimme aus erzählerisch empathischer  Distanz und doch voller Leidenschaft in der Verurteilung von der Rache getriebenen Medea. Sie ist „im Gemüt wild. Unrecht verträgt sie nicht.“

Unter der Regie Sven Grunerts  gelingt Louisa Stroux eine  sehr heutige Version dieser archaischen Figur der Medea. Ganz in Schwarz in Lederhosen und Wickelmantel (Kostüme Irina Kollek) lässt die Lichtregie den Wahnsinn in Medeas Gesicht aufflackern. Laut wird das Pochen der Herzfrequenz hörbar, sobald sie eine neue Hiobsbotschaft vernimmt. In diesem intensiven Zusammenwirken von Lichteffekten, Klang, schlicht schwarzen Kostümen mit brachialen Insignien, reduzierter Bewegung entstehen lodernde Szenen, in denen die psychischen Prozesse explodieren, denen allerdings im Sprachduktus eine adäquate Weiterführung fehlt, wodurch die Wucht der Inszenierung immer wieder geschmälert wird.

Das männliche Umfeld, so klein auch die Rollen angelegt sind, geben  indes eine kraftvolle Ansage vor. Stefan Lehnen überzeugt als weitsichtiger Kreon, der um seine Fehler der Milde  weiß und genau wieder denselben macht, indem er Medea einen Tag Aufschub gewährt. Andreas Sigrists Jason oszilliert zwischen pragmatischem, durchaus nachvollziehbarem Ehrgeiz, klug analytischem Denken  und lüsterner Gier. Knud Fehlauer (Ägeus, Chor) und Rudi Knauss (Erzieher, Chor) führen in ihren wenigen Sätze diesem rhythmisierten Sprachduktus weiter.

Doch die stabile Welt der Männer bricht durch Medeas Rache zusammen und sie selbst auch. Beide landen im Reich der Schatten. Medeas große Geste, multipliziert als Schattenspiel in einem denkbaren Hades lässt offen, wer wen tötet und ob überhaupt. Dem Wahnsinn sind sie beide  auf jeden Fall verfallen. Rache zerstört, ist die zeitlose Botschaft des griechischen Theaters.

Michaela Schabel, www.schabel-kultur-blog.de, 7. Oktober 2019 und Landshut aktuell, 9. Oktober 2019

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MEDEA - Die Liebe als Fluch

Eine Welt ohne Frauen wäre doch das Beste. Dann gäbe es gar keine Probleme mehr.
Gemütlich könnten die Männer dann ihrem Alltag nachgehen, ungestört Kriege führen,
miteinander debattieren, herumgockeln, dem Leben frönen. Doch halt: Gewisse brauchbare
Funktionen haben Frauen ja dann doch in der Gesellschaft: zum Beispiel ganz konservativ,
Kinder zu Welt zu bringen.

Ganz schön kurzsichtig ist der Satz, den Jason mittendrin einfach so hinausposaunt, weil
seine Frau, um genauer zu sein seine Ex-Frau, ihm mal wieder ordentlich nervt. Immer hat
sie ihren eigenen Willen, möchte sich nicht zähmen lassen, zieht sogar in Erwägung, ihre
neue Heimat wieder zu verlassen. Und warum? Weil Jason sich eine jüngere geschnappt hat,
eine Adlige noch dazu, die seinen Status in der Gesellschaft sichern und ihm nebenbei
vielleicht noch ein paar weitere Kinder schenken soll. So einfach stellt er sich das vor.

Im kleinen theater wird dieser vermeintlich alltägliche Ehezwist zum moralischen Spielfeld.
Im Zentrum Louisa Stroux als Medea, die mal das Goldene Vlies auf ihrem Rücken ausbreitet,
um in feiner Schrift dem Publikum ihre Last zusammengefasst in einem kompakten Absatz zu
präsentieren, mal im roboterhaften Schattenspiel ihre magischen Rituale andeutet oder im
intensiv-wütenden Monolog ihr verdammtes Schicksal aber auch Selbstzweifel herausbrüllt.
Ja, sie ist stinksauer. Ja, sie ist hysterisch. Und das zurecht. Sie möchte sich das Patriarchat
nichtmehr gefallen lassen, in dem die Männer regieren, entscheiden, verletzen.

Dafür macht sie vor nichts Halt, nicht einmal davor, ihre eigenen Kinder zu töten. Viel wird
über die Kinder gesprochen, die im kleinen theater als imaginative Projektionsfläche dienen.
Sie stehen für Liebe, Familie, die nächste Generation, aber sie sind eben auch ein Teil ihres
Vaters, der die Mutter betrogen hat. Präsent müssen sie nicht sein, denn ihr Geist
schlummert überall auf der Bühne, in ihren beiden Eltern Medea und Jason, aber auch in
den kleinen Kuscheltieren, die in Plastikfolie gehüllt am Bühnenrand sitzen.

Sven Grunert inszeniert Euripides' Medea als düsteres Ritual, in dem viel angedeutet, wenig
erklärt wird - und das ist auch gut so. Denn die Themen, die in Medea verhandelt werden,
sind auch heute universell: Rache, Verrat, Recht, Liebe (so steht es auch auf den roten
Wänden, welche die sonst eher karg-sandig gehaltene Bühne einzäunen geschrieben). In
ihrer Roboterhaftigkeit stehen die Figuren - allesamt in Schwarz gekleidet - für die
Gesellschaft der Antike, aber auch der Gegenwart. Geplagt von Selbstzweifel, Gier und Angst
um den eigenen Status geht es vor allem darum, das eigene Gesicht zu wahren - und da
möchte die widerspenstige Medea nichtmehr mitspielen. Ihr reicht es. Sie hat nichts mehr zu
verlieren. Sie zieht ihren Rachefeldzug eiskalt durch, nichts und niemand kann sie stoppen,
und das ist auch gut so.

Julia Weigl, freie Journalistin, Dezember 2019

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Medea , 5. Oktober 2019, kleines theater KAMMERSPIELE Landshut

Am vergangenen Samstag schaffte ich es endlich wieder in das gemütliche Kleine Theater Landshut, auf dessen Bühne im Dachstuhl eines mittelalterlichen Hauses ich schon viele großartige Theaterabende erleben durfte. In einem Blog, für den ich zuvor geschrieben hatte, habe ich viele Male über dieses unscheinbare doch künstlerisch herausragende Haus berichtet.

Bereits am Freitag feierte das berühmte Werk “Medea” des antiken Dichters Euripides unter der Regie von Sven Grunert Premiere. Ich durfte die zweite Vorstellung besuchen und in der ersten Reihe ganz nah am Geschehen sein.

Das antike Drama folgt dem Abenteuer der Argonauten: Jason hat mit seiner Frau Medea, die aus Liebe zu ihm ihre Heimat und Familie verraten hat, in Korinth Zuflucht gefunden. Dort verlässt er Medea jedoch, um die Tochter des Königs Kreon zu heiraten. Er behauptet, dies nur zu tun, damit auch seine erste Frau und ihre gemeinsamen Kinder in ihrer neuen Heimat integriert werden. Dieses Argument ist jedoch nicht sehr überzeugend, die tief verletzte Medea schwört Rache und soll deshalb mitsamt ihrer Kinder verbannt werden. Durch List und falsche Unterwürfigkeit kann sie diese Strafe jedoch etwas hinauszögern und hat somit genug Zeit, die Prinzessin und Kreon zu vergiften. Auch tötet sie ihre Kinder und lässt Jason mit dem Schmerz zurück, alle die er liebte verloren zu haben.

Auf der kleinen Bühne wurde von Helmut Stürmer ein recht minimalistisches Bühnenbild entworfen. Große, graue Papierquadrate an der Rückwand erinnern an Stadt- oder Palastmauern, die Darsteller sitzen auf schlichten, schwarzen Hockern und dazwischen verstreut symbolisieren Sand und Folien das Meer Korinths. Im Bühnenboden sind Glasplatten eingelassen, die mit Sand bedeckt sind und der Magierin Medea als eine Art Ritualplatz dienen, jedoch auch einen Geheimgang bedecken. Seitlich stehen rote, beschriftete Wände, deren Farbe an Blut erinnern und die die zentralen Motivationen Medeas wie Verrat und Rache präsent machen.

Die Kostüme von Irina Kollek sind modern, jedoch alle schwarz. Die meisten der Darsteller sind barfuß, nur die Amme und der Erzieher, die auch die Rolle des Chors übernehmen, tragen Schuhe. Sie kommentieren die Handlung und reden den Protagonisten ins Gewissen, können deren Verlauf jedoch nicht lenken. Dabei charakterisieren die Kostüme die Figuren durchaus gut. Medea etwa entfernt im Laufe des Stückes immer mehr Lagen ihrer Kleidung, was man vielleicht so interpretieren kann, dass sie sich durch ihre Handlungen immer verwundbarer macht. Jason trägt einen Anzug, jedoch ohne Hemd und mit einem dünnen Streifen einer Art Kriegsbemalung um den Kopf, als wolle der ehemalige Krieger sich in die neue Zivilisation integrieren, was ihm jedoch noch nicht ganz gelingt.

Wenn die Inszenierung auch nur etwa 80 Minuten dauert, so ist die angespannte Energie vom ersten Moment an groß, vor allem angesichts der Hauptdarstellerin Louisa Stroux, die anfangs würdevoll mit dem Goldenen Vlies über den Schultern auf die Bühne schreitet, die ganze Zeit jedoch den Anschein erweckt, als tobe in ihr ein emotionaler Kampf. Sie erklärt dem Publikum scheinbar kühl ihre grausamen Pläne, allein als der Mord an ihren Kindern bevorsteht bricht der innere Konflikt nach Außen. Stroux ist fast permanent auf der Bühne und bringt eine unglaubliche Spannung hervor, von der man als Zuschauer ebenfalls gepackt wird.

Ihr gegenüber steht Andreas Sigrist als Jason, der seinen Charakter extrem schwer durchschaubar macht. Seine wahren Motive werden nicht wirklich klar, er stürzt sich nach wie vor lüstern auf Medea – ob er dies aus Dominanz oder Gefühlen zu ihr tut wird nicht klar, was die Spannung zwischen den beiden Hauptfiguren nur noch erhöht. Seine scheinbar freundliche und überlegte Art trifft auf den blanken Hass Medeas. Seine Fassade bricht erst nach dem Mord an seinen Kindern, als er verzweifelt zusammenbricht.

Ergänzt werden die beiden Kontrahenten von vier weiteren Charakteren. Das langjährige Ensemblemitglied des Kleinen Theaters, Stefan Lehnen, spielt den würdevollen und gütigen König Kreon, der mit seiner ruhigen Art einen emotionalen Gegenpart zur aufgewühlten Medea darstellt und dadurch von ihr ausgenutzt wird. Allgemein verwendet Medea ihre Reize durchaus, um ihr Ziel zu erreichen. Ihrem Verbündeten Ägeus (Knud Fehlauer), der noch mit deutlicher „Kriegsbemalung“ auftritt und dem sein Darsteller einen kriecherischen und doch ehrlichen Charakter verleih, unterwirft sie sich scheinbar, lässt sich von ihm liebkosen und ringt ihm so einen Schwur für ihren Schutz ab.

Wie bereits erwähnt greifen Katja Amberger als Amme und Rudi Knauss als Erzieher nicht wirklich in die Handlung ein, sie versuchen eher zwischen den verfeindeten Fronten zu vermitteln, was ihnen jedoch nicht gelingt. Trotzdem sorgt vor allem Amberger zu Beginn des Stücks und in den Schilderungen des Mords an Kreon und seiner Tochter für Gänsehaut.

Tatsächlich bleibt es in dieser Inszenierung des Intendanten Sven Grunert bei Schilderungen, auf der Bühne wird keine körperliche Grausamkeit gezeigt. Die seelischen Leiden Medeas und zuletzt auch Jasons sowie ihr Konflikt werden dafür umso mehr in den Mittelpunkt gerückt. Der Regisseur zeigt die Titelheldin ganz klar als das Opfer der Umstände. In der griechischen Antike war das Werk Euripides’ ja bereits wegen seiner Thematik umstritten, Medea schien jedoch eher als die Böse gesehen zu werden. Hier werden die Figuren so charakterisiert, dass man Medeas extremes Handeln nachvollziehen – wenn auch nicht gutheißen – kann. Jason scheint hier vielmehr der rationale doch grausame Antagonist zu sein, der erst durch die grausamen Taten seiner ehemaligen Geliebten seine menschliche Seite zeigt. Als Medea flieht, bleibt er erstarrt von seinem und auch ihrem Schmerz zurück.

Marina, Nachtgedanken, Notizen aus München und anderswo, 10. Oktober 2019