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ARTIKEL

Christoph Leibold über "DIE WAND" in Theater der Zeit vom Oktober 2021

Maximaler Minimalismus
Das Kleine Theater Landshut: „Die Wand“ von Marlen Haushofer.

Für die Theater müssen sich die Monate des zweiten Lockdowns angefühlt haben wie das permanente Anrennen gegen eine undurchdringliche Wand. Da wurden Proben abge­halten und immer wieder neue Premieren­termine angesetzt, doch die Rückkehr zum Spielbetrieb musste angesichts nicht ab­ebben wollender Corona-Wellen ein ums ­andere Mal…

Intendant Sven Grunert, Intendant des Kleinen Theaters Landshut, und Schauspielerin Julia Koschitz, hatten den Plan, Marlen Haushofers Roman„Die Wand“ für die Bühne zu bearbeiten, bereits im Sommer letzten Jahres geplant, also schon nach dem ersten Lockdown. Doch aus der für Herbst 2020 geplanten Premiere wurde nichts. Sie konnte erst ein geschlagenes Jahr und vier Terminverschiebungen später stattfinden.

Die Gründe für die Wahl des Stoffes liegen auf der Hand. Alleinsein und Isolation sind zentrale Themen des 1963 erschienenen Buches – mithin Erfahrungen, die viele Menschen während der staatlich verordneten Häuslichkeit in der Corona-Krise machen mussten.

Haushofers namenlose Ich-Erzählerin will mit einem befreundeten Ehepaar ein Wochenende auf einer Hütte im Gebirge verbringen. Ihre Bekannten brechen am ersten Abend noch mal kurz auf ins Tal, kehren jedoch nicht wieder. Als die Erzählerin sich tags drauf auf die Suche macht, versperrt ihr eine unsichtbare Wand den Weg. Auf unabsehbare Zeit auf sich selbst zurückgeworfen, richtet sie sich notgedrungen in ein Leben in der Bergwelt und in Einsamkeit ein. Ihre Aufzeichnungen bilden den Romantext.

Im Kleinen Theater Landshut hat Bühnenbildner Helmut Stürmer ein Häuschen auf die Spielfläche gestellt, das wie eine Kreuzung aus Gewächshaus und Käfig anmutet. Neben der Draht-Konstruktion stehen einige Gerätschaften: ein Kübel, eine Leiter, auch ein Paar Stiefel, außerdem ein Bildschirm, der fahle Live Close-Ups von Julia Koschitz zeigt, die im Inneren der Behausung auf einem Quader kauert, strähniges Haar, nur in Unterwäsche. Das Bild, das sich bietet, lässt an den österreichischen Entführungsfall Natascha Kampusch oder die Kellergefangene Elisabeth Fritzl denken. Doch Haushofers Roman ist weit mehr als ein Report aus der Gefangenschaft. „Geburt. Tod. Die Jahreszeiten. Wachstum und Verfall“, darum gehe es, notiert die Protagonistin einmal. Zurückgeworfen auf sich selbst, nur mit einer Hand voll Tieren als Gefährten, Wind, Wetter und dem Kreislauf der Natur ausgesetzt, findet sie zu einer inneren Freiheit, fügt sich, nein, nicht in ihr Schicksal, sondern in das, was man den natürlichen Gang der Dinge nennen möchte.

Der Roman verhandelt die ganz großen Themen, Grunerts klug gekürzte Adaption folgt ihm darin, ohne auf entsprechend große Gesten zu setzen. Im Gegenteil: Regisseur und Darstellerin sind ein enormes Risiko eingegangen, wagen maximalen Minimalismus. Von dem Würfel, auf dem Koschitz anfangs sitzt, wird sie auch in den 70 folgenden Spielminuten nie aufstehen. Mehr Reduktion geht kaum. Statisch oder gar langweilig aber wirkt die Inszenierung nie. Die fernseh- und kinoerfahrene Schauspielerin („Der letzte schöne Herbsttag“, „Im Schatten der Angst“) vermag es, allein mit Mienenspiel und Sprachgestaltung die Fieberkurve der Figur vom Selbstverlust bis zur Selbstfindung zu durchmessen und das ganze Spektrum der Gefühle von Wut und Verzweiflung über Resignation und Gleichmut bis zu innerem Frieden und Erkenntnis-Euphorie auszuloten. Gleichförmiges Ticken einer Uhr und flächige Soundscapes, die wie ferne Erinnerungen an eine versunkene Welt hereinzuwehen scheinen, schaffen Atmosphäre. Mehr braucht es nicht für diesen atemberaubenden Theaterabend, der konsequent hinter der unsichtbaren vierten Wand bleibt. Fast wirkt es so, als würde Koschitz dieses grandiose Solo nur für sich selbst spielen. Und doch zieht sie das Publikum hinein in einen Sog, nimmt es mit auf die rauschhafte Reise ins Innere, wo sich in der Beschränkung (von der der Roman erzählt und die sich die Inszenierung auferlegt hat) unermessliche Gedankenfreiräume auftun.

Jetzt, da man es wieder lässt, kann das Theater Wände zum Einsturz bringen. Diese Aufführung ist der beste Beweis dafür.

Christoph Leibold, Theater der Zeit , Oktober 2021