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ARTIKEL

Architektur der Vergänglichkeit: Hannelore Meier-Steuhl über Helmut Stürmers Ausstellung
Helmut Stürmer hat viele Bühnenbilder und Kostüme unter anderem für das Kleine Theater Landshut entworfen. Dort sind derzeit seine Zeichnungen zu sehen.
 
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Helmut Stürmer spricht lieber von einem Bühnenraum als von einem Bühnenbild. Denn er sieht seine Aufgabe darin, einen Raum neu zu schaffen, neu zu erfinden. Deshalb ist auch das erste, was er nach der Lektüre eines Theatertextes macht, die Anweisungen zu vergessen, die der Autor seinem Stück mitgegeben hat. Zunächst muss er eine eigene Welt erfinden, um sie mit den Notwendigkeiten des Raums und mit der Inszenierung zu konfrontieren; er muss dem Regisseur einen Vorschlag machen, wie die Bühnenwelt aussehen könnte, in der das Stück angesiedelt ist. In der gemeinsamen Zusammenarbeit verändert diese Welt sich dann schrittweise, wird dem Gedankengang des Regisseurs den Raumverhältnissen angepasst, und als Bühnenbildner entwickelt Stürmer dafür schließlich eine individuelle Ästhetik.

Schön zu sehen ist das derzeit in Sven Grunerts Inszenierung des Marlene-Haushofer-Romans „Die Wand“ im Kleinen Theater Landshut. Stürmer hat es vermieden, mit naturalistischen Elementen ein Alpenszenario herzustellen, etwa die Jagdhütte oder die Waldschlucht als Schauplatz der Erzählung abzubilden. Stattdessen stellt er ein symbolisches Gefängnis auf die spärlich ausgeleuchtete Bühne, das zugleich Schutzraum ist und Isolation signalisiert. In diesem Raum spielt sich das Seelendrama ab, das Grunert aus dem Romantext gefiltert hat.


Stürmer sieht den „psychologischen Raum“

Dass auch seine Bühnenentwürfe immer wieder Metamorphosen durchmachen, zeigt Helmut Stürmers Ausstellung im Kleinen Theater. Bis Ende März begegnet man hier einer Reihe von Ideenskizzen, unter denen sich auch viele Entwürfe zu Landshuter Produktionen finden. Diese Skizzen sind laut Stürmer vom Raum bereits vorgegeben: „Jeder Raum hat eine geahnte Geschichte“, gibt er sich überzeugt, weshalb er den Bühnenraum auch als „psychologischen Raum“ betrachtet. Seiner Ansicht nach steckt die Konzeption einer Inszenierung mitten im Raum, und gemeinsam mit dem Regisseur versucht er, sie zu entdecken und sichtbar zu machen. Beim Betrachten seiner Entwürfe kann man mitverfolgen, welche Gedankengänge zu den Bühnenbildern für „Die Glasmenagerie“, für „Endstation Sehnsucht“ und Brechts „Dreigroschenoper“, für Sophokles’ „Antigone“ und Shakespeares „Sturm“ sowie zahlreiche weitere Inszenierungen im Kleinen Theater führten. Die Zeichnungen sind das einzige, was von Stürmers Arbeit bleibt: „Das Bühnenbild ist eine Architektur der Vergänglichkeit. Wenn es nicht mehr gebraucht wird, dann wird es vernichtet.“ Umso erfreulicher ist es, dass die Landshuter Retrospektive auch reichlich mit Skizzen zu opulenten Kostümen und farbenprächtigen Bildern des Malers Helmut Stürmer ausgestattet ist.

Ein Höhepunkt: die Collagen zu Szenen und Figuren aus Alfred Jarrys skurriler Komödie „König Ubu“, die Stürmer für das Theater Bukarest anfertigte und mit satirischen Anspielungen auf die korrupte rumänische Politikerkaste versah.
Daneben sieht man überbordend phantasievolle Kostümbilder, traditionell anzuschauen und individuell konzipiert für jede einzelne Figur. Entworfen wurden sie für eine Opern-Uraufführung beim Glyndbourne-Festival in England. Nicht weniger schön: Stürmers Serie von „Burra-Puppen“, entstanden für eine Aufführung von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Dabei handelt es sich um kunstvolle Coppelia-Bilder, aus denen auch ein Büchlein entstand, in dem der Dichter Niki Wolcz Stürmers Zeichnungen mit „optophonetischen Gedichten“ kommentiert. Mit dem rumänischen Nationalpreis (für Stürmer bereits der fünfte in dieser Kategorie) ausgezeichnet wurde der Bühnenraum für die dramatisierte Marquez-Novelle „Erendira“ am Deutschen Theater Temesvar.

Die Ausstellung zeigt Szenen-Skizzen zu der ebenso unglaublichen wie traurigen Geschichte der einfältigen Erendira und ihrer herzlosen Großmutter, 1972 geschrieben vom kolumbianischen Schriftsteller Gabriel Garcia Marquez.
Wer aus den hinreichend bekannten Gründen derzeit eher ungern außer Haus geht, kann sich in einer Aufzeichnung des Fernsehsenders Arte auf Youtube einen Eindruck von Stürmer-Kostümentwürfen verschaffen, die er für die Opera Nancy schuf. In der Barockoper „Artaserse“ von Leon Vinci versah er fünf Countertenöre mit opulenten Outfits. Die dazu gezeichneten Figurinen hängen im Original an den Wänden des Kleinen Theaters. Mit seinen während der Pandemie geschaffenen Gemälden knüpft Stürmer schließlich noch an das verbreitete Phänomen an, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter, vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen. Auf seinen gemalten Arbeiten sind es große bunte Flecken, in denen er Visionen sichtbar macht und sie als Fragmente aus den Farben herausholt. Drei großformatige Bilder dominieren damit das Foyer.

Hannelore Meier-Steuhl, Landshuter Zeitung , 19. Februar 2022

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