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Das Zeitstück der Gegenwart - "DIE WAND" - Hannelore Meier-Steul im Interview mit Sven Grunert und Julia Koschitz

Am Kleinen Theater Landshut hat heute die Bühnenfassung von Marlen Haushofers „Die Wand“ als Solostück Premiere. In der Inszenierung von Sven Grunert ist Julia Koschitz zu sehen.

Eine Frau wacht eines Morgens in einer Jagdhütte auf und findet sich eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein Leben mehr existiert. Was ihr bleibt, sind ein Hund, eine Katze, eine Kuh, eine Waldschlucht, die Berge, eine Alm. Marlen Haushofers Roman hält viele Deutungsmöglichkeiten bereit. Die Wand als Symbol für Barrieren, die uns von den Mitmenschen trennen; Krankheit, Depression, Ausgrenzung, Einsamkeit. Die Bedrohung und zugleich die Sehnsucht, gezwungen zu werden, ohne andere Menschen zu leben. Der Roman „Die Wand“ erschien 1963, als weltweit Angst vor dem Ausbruch eines Atomkriegs herrschte. Vor dem Hintergrund einer weltweiten Pandemie inszenierte jetzt Sven Grunert diesen großen Roman am Kleinen Theater Landshut. Als ein Zeitstück der Gegenwart, „als Reise zum eigenen Ich“ möchte er Haushofers Text verstanden wissen. Unter Sven Grunerts Regie spielt Julia Koschitz die namenlose Romanheldin. Premiere (ausverkauft) ist heute um 20 Uhr im Kleinen Theater.

Frau Koschitz, wann haben Sie Haushofers Roman zum ersten Mal gelesen? Und wie hat er auf Sie gewirkt?

Julia Koschitz: Ich bekam ihn vor 15 Jahren als Geschenk in der Reha-Klinik, wo ich nach einem Skiunfall unglücklich vor mich hin sinnierte. Ich stand kurz vor einem Dreh, den ich unbedingt machen wollte und der zu kippen drohte, wenn ich nicht schnell genug auf die Beine komme. Meine Arbeit war mir wichtiger als meine Gesundheit. Bei der Lektüre von der „Wand“ haben sich viele Fragen aufgedrängt, die wir uns auch während der Proben gestellt haben. Wer bin ich und warum? Wie definiere ich mich als Mensch? Abgesehen davon, hat mich das Buch umgeworfen.

Was macht diesen Roman zu einem Stück Gegenwartstheater, zum Zeitstück, in dem wir Antworten auf aktuelle Fragen finden können?

Sven Grunert: Er beschreibt eine existenzielle Situation, in der ein Mensch komplett auf sich selbst zurückgeworfen ist. Durch die Pandemie ist der Text hautnah in der Gegenwart verortet. Er konfrontiert uns mit Isolation, Bedrohung, Angst. „Die Wand“ ist vielleicht sogar das Zeitstück der Gegenwart!

Wie verändert die Einsamkeit einen Menschen?

Grunert: Die totale Isolation bewirkt, dass man entweder daran scheitert oder aber Wege findet, sich einer extremen Situation zu stellen. Letztlich leben wir alle getrennt voneinander, die Welt stellt sich vielen von uns wie eine unüberwindbare Wand dar. Mit dieser Situation konfrontiert uns Marlen Haushofer. Also mit einer Situation, die ganz tief im Kern unseres Menschseins begründet liegt. Der Romanheldin gelingt es, durch schonungslose Ehrlichkeit das Leben auf eine neue Art und Weise zu verstehen. Sie schafft es, als liebender Mensch weiterleben zu wollen. In unserer Interpretation findet sie im Verlauf der Inszenierung zu einem Urvertrauen. Bei uns endet das Stück tatsächlich romantisch, aber im Sinne der Aufklärung.
Koschitz: Ich habe den Text als Beschreibung eines Seelenzustands verstanden. Die Romanheldin befindet sich in einer Situation, in der sie droht, verrückt zu werden. Sie beschließt, zu schreiben, um nicht den Verstand zu verlieren, aus einem Überlebenstrieb. In ihrer Einsamkeit gelingt es ihr, sich zu öffnen. Offen zu werden für die Begegnung mit der Welt und sich selbst.

Wie kann man diese Gefühlswelt auf der Theaterbühne anschaulich machen?

Grunert: Als schonungslose Introspektion! Wir haben keine illustrierenden Bilder gesucht, sondern versuchen, auf der Bühne eine Extremsituation zu definieren. Die Protagonistin befindet sich gleichsam in einer Zelle, in sich selbst, gefangen in ihrem Kopf, zwischen Imagination und Realität. Wir versuchen, die Geschichte so zu erzählen, dass der Zuschauer in den Kopf einer Schauspielerin hineinschauen kann: wie sie denkt, fühlt, reflektiert und sich selbst erkennt.

In der Vorankündigung wird das Stück als radikaler Appell bezeichnet. Warum Appell? Warum radikal?

Grunert: Die ganze Geschichte ist ein Bericht, und wir versuchen, ihn in aller Ehrlichkeit und Offenheit weiterzugeben. Die Protagonistin ist hin- und hergeworfen zwischen Wissen und Gewissen. Sie hat einen Menschen getötet, sie ist traumatisiert. Aber sie ist schonungslos ehrlich mit sich selbst. Sie will wissen, verstehen, erkennen. Ihr Wissensdrang ist größer als ihr Leidensdruck. Das ist ein wirklich radikaler Appell, wenn man ihn immer wieder an sich selbst richtet.
Julia Koschitz: In dem Bericht, wie wir ihn interpretieren, sucht die Protagonistin nach der Wahrheit, um weiter an das Leben glauben zu können. … Sie überwindet Angst und Isolation mit aller Kraft und Hingabe, ohne sich aufzugeben und ohne jemals aufzuhören, das Leben zu lieben. Nur dieser Weg führt durch die Wand!

Hannelore Meier-Steuhl, Landshuter Zeitung, 17. September 2021