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Lieber harte Bandagen als der Sprung in den Wahnsinn - Sven Grunert im Gespräch mit Michael Stolzenberg

sg

LZ-Reihe: Sven Grunert über Theater in der Pandemie, Freiheit in Demut und Helene Fischer
„Reden wir über Corona...“:

In Teil zwei unserer Gesprächsreihe kommt Sven Grunert zu Wort. Wie erlebt der Intendant des Kleinen Theaters Landshut die Pandemie – als Kulturschaffender, aber auch ganz persönlich? Grunert, 58, äußert sich gewohnt meinungsstark zu ganz unterschiedlichen Facetten der derzeitigen Sondersituation. Er spricht über das Leben im Lockdown für Kreative, über seine Sehnsucht nach Publikum und Applaus, analysiert das Handeln der politisch Verantwortlichen und entwirft sein Bild von einer Zeit nach Corona.


Landshuter Zeitung: Herr Grunert, wie darf man sich das Theaterleben in Zeiten von Corona vorstellen? Wird Ihre Kreativität durch die belastenden Gesamtumstände stark beeinträchtigt?

Sven Grunert: Nein, denn dafür fehlt mir die Zeit. Künstler haben die Fähigkeit, sich mit Extremsituationen gut auszukennen. Das ist ein bisschen so, wie wenn man einen Segler fragt: Oh Gott, morgen soll starker Wind sein, sogar mit Sturmwarnung. Hast du Lust zu segeln? Da werden passionierte Segler antworten: Ja, da muss ich durch! Will sagen: Bei einer Künstlerpersönlichkeit löst oft alles, was sie mit dem Unmöglichen in Kontakt bringt, neue Fantasien aus. Da wird man in seinem Vorstellungsvermögen eher noch angeregt. Und konkret: Wenn wir intensiv proben, befinden wir uns im Schutzraum der künstlerischen Arbeit, da fallen all die praktischen Probleme unserer Lebenswirklichkeit weg, man ist dann nur im Augenblick.

Auch Ihre Bühne muss in der Pandemie ohne (Präsenz-)Publikum auskommen. Klar, dass dem Theater die Menschen fehlen. Was fehlt den Menschen ohne Theater?

Der Mensch lebt nicht allein, er ist ein soziales Wesen, die kleinste Einheit ist zwei. Theater ist ein Ort, wo man in einer ganz hohen Form sich in seinem Menschsein mit anderen wahrnimmt und im Zusammenhang eines Publikums begreift. Im Applaus erschließt sich das Erleben jedes Einzelnen, etwas gemeinsam mit anderen Zuschauern positiv zu konnotieren. Erlebnisse wie diese sind für unsere soziale Identität enorm wichtig. Das kann in dieser Form zurzeit nicht stattfinden, es gibt dieses Gemeinschaftserlebnis nicht. Theater allein oder mit ganz wenigen vertrauten Menschen auszuhalten, fällt mir, zugegebenermaßen, schwer.

Gleichwohl versucht das Kleine Theater wie viele andere Spielstätten, aus der Not das relativ Beste zu machen. Als „k.digital“ kommen Sie mit Live-Streams zu den Leuten nach Hause. Schön und gut und durchaus verständlich – aber sollte man ein derart singuläres Ereignis wie einen Theaterbesuch wirklich mit den Mitteln des Virtuellen zu transformieren versuchen? Geht dabei nicht viel zu viel verloren: Intensität, Energie, Interaktion?

Wir sind ja auf der Online-Bühne nicht präsent, um unsere Produktionen auf Youtube zu parken. Wir versuchen im Gegenteil, den Ereignischarakter soweit wie möglich zu unterstreichen. Bei uns muss man für den Stream eine Karte haben und sich zu einem definierten Zeitpunkt einfinden, an dem man dann gemeinsam nach dem Konzept einer normalen, analogen Theatervorstellung am Geschehen teilnimmt.

Wenn schon Ersatz, dann der bestmögliche?

Es ist immer eine Substitution, ein Ersatz für Nähe. Natürlich ist mir die unmittelbare Präsenz von Menschen lieber. Aber allein das Bewusstsein, dass wir uns auf einer gemeinsamen zeitlichen Achse befinden, ist schon etwas, was mir ein Gefühl von Intimität und Nähe vermittelt. Ein Kind zum Beispiel kann physische Nähe für eine Weile mit einem Kuscheltier oder einer Schmusedecke substituieren.

Also sind Sie kein Freund einer Mediathek?

Das ist ein heißes Eisen: Zeitsouveränität. Wenn ich das schon höre! Natürlich haben wir eine Mediathek mit Videos und verschiedenen Audio-Formaten, etwa Interviews, Podcasts und Werkstattgesprächen, die man jederzeit abrufen kann. Trotzdem finde ich gewisse zeitliche Vereinbarungen wie bei unserem Streaming-Programm sinnvoll, weil sie mich in meiner Konkretheit, mich in etwas zu begeben, viel näher an das Ereignis binden. Das hat eine andere Qualität.

Die Treue des Publikums ist das eine, die fehlende Wertschätzung seitens der Politik allerdings das andere. Systemrelevanz in der Krise wurde den Kulturschaffenden von den Entscheidungsträgern hartnäckig abgesprochen...

Schon als ich mit 17 Jahren die Kulturinitiative in Böblingen gegründet habe, war es das Thema, dass sich die Kultur auf politischer Ebene immer in der Notwendigkeit beweisen musste. In der momentanen Situation ist es so, dass die politisch Verantwortlichen restriktiv handeln, mit Einschränkungen, mit Bestimmungen. Wenn man so auf diese restriktiven Prozesse konzentriert ist, dann gibt es außer diesen Reglementierungen nichts anderes. Umso mehr brauchen wir neue Ideen und Konzepte. Das ist die Aufgabe der Kunst.

Ist da relatives Verständnis für Söder und Co. herauszuhören – oder war das jetzt einfach eine Beschreibung der Realität?

Na ja. Worum es hier geht, hat mit Sensibilität zu tun, mit Einfühlung, mit Empathie. Damit sind Politikerinnen und Politiker in ihrem derzeitigen Handeln nicht unbedingt ausgestattet. Es gibt aktuell Prozesse, die sind sehr autoritär, und das Problem ist: Was für ein Menschenbild liegt hier zugrunde? Die Frage ist, inwieweit man als Verantwortlicher das Maß verliert und vergisst, dass hinter jeder Entscheidung komplexe Lebensvorgänge anderer Menschen sind, von deren Lebenswelten die Entscheidungsträger oftmals nicht viel wissen. Das ist es.

Reden wir über Freiheit: Wie sehr machen einem anerkannten Freigeist wie Ihnen Restriktionen wie die Ausgangssperre um 21 Uhr oder ein Bewegungsradius von 15 Kilometern zu schaffen, von deren Sinnhaftigkeit ganz zu schweigen? Vermissen Sie eine breite gesellschaftliche Diskussion über den Entzug von Grundrechten?

Persönlich bin ich da vielleicht ein schlechtes Beispiel, ich habe immer schon sehr zurückgezogen gelebt. Und allgemein: Freiheit ist ein ganz großer Begriff, der für viele Überlegungen und viele Interessen gebraucht und auch missbraucht wird. Für mich geht es derzeit vor allem um Demut, was das eigene Denken und den eigenen Anspruch betrifft. Man muss sich sehr zurücknehmen, um einen Sinn darin zu sehen.

Einen Sinn zu sehen ... in der Pandemie?

Man kann seine Freiheit in gewissen Momenten einschränken, zum Beispiel durch das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung und Abstand halten, ohne darin die Unfreiheit zu sehen, sondern vielmehr die Befreiung von Umständen, die sehr komplex sind. Rechnerisch könnte es mir zu 0,5 Prozent passieren, dass ich in der jetzigen Situation sterbe. Man könnte sagen: Das Risiko trage ich. Aber in der Auswirkung erreicht man durch sein Verhalten eine Anhäufung von Lebensdramen, wenn man an die Seniorenheime denkt und die Krankenhäuser. Wieviel Selbstverantwortung muss ich haben, damit so etwas nicht stattfindet? Im Moment denke ich sehr oft an Immanuel Kant und seine drei W´s: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Darin suche ich meine Freiheit im Tun. Meine Freiheit hört für mich da auf, wo ich anderen Menschen schaden kann.

Aber rechtfertigt diese Position die aktuellen Grundrechtseingriffe?

Wenn dieses Bewusstsein sich durchsetzen würde, dann bräuchten wir keine harten Maßnahmen, aber leider trifft diese Erkenntnis nicht für alle zu. Man erlebt ja auch Leugner der grundsätzlichen Situation. Wenn dieses Irrationale, dieser Wahnsinn einen größeren Teil der Bevölkerung erfasst, ist das nicht ungefährlich, davor muss man sich in Acht nehmen. Daher bin ich bereit, gewisse harte, quasi erzieherische Maßnahmen, die komplett meiner Natur widersprechen, mitzutragen. Lieber harte Bandagen, als der Sprung in den Wahnsinn.

Matthias Lilienthal, der Ex-Intendant der Münchner Kammerspiele, hat früh in der Pandemie gesagt, unser altes Leben existiere nicht mehr. Wie aber wird unser zukünftiges Leben aussehen, wenn Corona – jedenfalls größtenteils – überwunden ist? Haben Sie vor Ihrem geistigen Auge Bilder ausverkaufter Konzerthallen und voller Biergärten? Von Menschen, die sich spontan umarmen oder wenigstens die Hand schütteln?

Wir leben in einem Prozess, der uns einen Wandel vor Augen und sicherlich nicht dazu führt, dass man wieder in der Vergangenheit anfängt. Wir müssen eine Lebenskultur schaffen, die es uns ermöglicht, mit solchen und zukünftigen Extrem-Situationen umzugehen, ohne unsere Wertegrundlagen im gesellschaftlichen Miteinander zu verlieren. Die Art und Weise, wie wir gelernt haben, uns in Gewohnheiten anzusiedeln, Nähe zu teilen, eine gewisse Form von Massenkultur zu erleben – da wird es sicher Veränderungen geben. Wie denken wir Zukunft? Wie denken wir Nahkultur in einer modernen Stadt wie Landshut? Beim Generieren möglicher Ideen ist die Kunst ganz besonders gefragt. Das erinnert mich an unser Jahresmotto: Theater ist die Kunst, sich immer wieder neu zu erfinden.

Vorteil Kleines Theater.

Mein Konzept von Theater war nie Mainstream, immer Intimität. Das ist eine kulturelle Form, die Bestand haben wird. Ich kann hier Theater machen vor 60, 50, 30 Leuten. Wenn ich mir dagegen Mario Barth oder Helene Fischer in einer großen Arena vorstelle, da dürfte es eng werden. Es wird darauf hinauslaufen, dass es kleinere Zusammenkünfte gibt für kulturelle und sportliche Ereignisse. Und wenn Großveranstaltungen wegfallen oder Massentourismus nachlässt, muss das nicht unbedingt ein Verlust sein. Wer braucht Ballermann auf Mallorca oder Kreuzfahrtschiffe in Venedig? Dieser Verlust wäre für mich ein großer Gewinn.

Gespräch: Michael Stolzenberg, Landshuter Zeitung, 23. Januar 2021