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Forschungsreise zu einer gespaltenen Berühmtheit

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Intendant Sven Grunert über „Marilyn Monroes letztes Band“ am Kleinen Theater Landshut

Marilyn Monroe ist 36 Jahre alt und auf dem Höhepunkt einer steilen Karriere, als sie 1962 an einer Überdosis Barbiturate stirbt. Sie wollte nicht das platinblonde Sexsymbol sein, sondern eine ernstzunehmende Schauspielerin. Die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und privater Person zeigt Intendant Sven Grunert in seiner Inszenierung von Bernd Steets‘ „Marilyn Monroes letztes Band“ am Kleinen Theater. Darin nähert sich eine Schauspielerin der Monroe über deren letzten Abend an, als sie ihre Biographie auf Band spricht.

Was hat Sie am Thema Marilyn Monroe gereizt?

Sven Grunert: Ich wollte nicht eine intime Biographie der Marilyn Monroe inszenieren, wo man in die Rührseligkeit eines solchen Abends gerissen werden könnte durch die Tragik der Geschichte. Es geht um eine Erforschung dessen, was Monroe in unseren Köpfen ist. Wichtig ist für mich, dass sich da eine junge Schauspielerin den Charakter Monroes auf einer inneren Forschungsreise erarbeitet – und dadurch immer eine gewisse Distanz zu der tatsächlichen Rolle der Monroe möglich ist. Somit schimmert immer eine Spielform durch und nicht das Einzelschicksal, mit dem wir mitfühlend und mitleidend den Abend erleben. Das hätte mich nicht interessiert.

Sie hat weniger das Ikonenhafte gereizt, sondern die Diskrepanz zwischen der echten Person und der Kunstfigur?

Ja, diese Spaltung nach dem Motto „Wer bin und wenn ja wie viele?“. Marilyn Monroe ist in einer extremen Form wahrgenommen worden, in dem, was sie im öffentlichen Raum dargestellt hat. Aber das hatte wenig mit ihr als Person zu tun. Das kennt jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad: Die Rolle des Intendanten oder des Oberbürgermeisters oder eben einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens – wie viel Kraft das kostet und wie groß der Zwiespalt ist zur tatsächlichen zwischenmenschlichen Tiefe, die jedem Menschen zugrunde liegt. Das anhand einer Klischeevorstellung auszuloten und Parameter zu finden, wo man sich in seinem eigenen Menschsein wiederfindet, das war der Versuch.

Haben Sie deshalb die Rolle entgegen dieser Klischeevorstellung besetzt? Wir sehen ja kein platinblondes sinnliches Sexsymbol.

Natürlich. Eine junge Frau begibt sich auf die Reise zu diesem Charakter und auch zu seiner Wirkungsgeschichte. Monroe gilt als Ikone der Frauenbewegung, weil sie es in ihrer sehr patriarchal strukturierten Zeit geschafft hat, in ihrer ganz eigenen Form von Weiblichkeit gegen die vordergründige Betrachtung zu rebellieren. Diese Kunstfigur Marilyn Monroe entblößt auch den männlichen Blick auf Weiblichkeit in seiner ganzen Einfachheit.

Marilyn Monroe wollte nicht nur als naive Blonde gesehen werden.

Ja, dahinter steckte eine ambitionierte, sehr intelligente Künstlerin, die auch an einem aufgeklärten Frauenbild arbeiten wollte. Wenn man sich vorstellt, dass sie sich mit 20 hat scheiden lassen und nach Los Angeles ging, um Schauspielerin zu werden, und durch welche Widerstände sie gegangen ist – dieses Widerständige fand ich spannend. Deswegen zeige ich die junge Frau, die sich in der Zeit der #metoo-Debatte der Klischeevorstellung der Monroe stellt und uns vor Augen führt, dass das eine Frau war, die wir in ihrer Zerrissenheit schon lieben sollten, aber die schon viel Rebellisches und Anarchisches in ihrer Arbeit und ihrem Leben getan hat. Da ist sie unterschätzt in ihrer Wirkungsgeschichte.

Also geht es um ein Vermächtnis Monroes über den Film hinaus?

In der Welt von Weinstein und Wedel – und auch die Welt des Theaters ist noch immer extrem höfisch und patriarchalisch strukturiert – war es mir auch ein Anliegen, Themen wie die #metoo-Debatte zu vergrößern. In der Wut, die in Monroes Person liegt, in der Verzweiflung und Suche nach Identität liegt ein Potential, das ich in eine Spielbehauptung zu legen versuche. Es ist wie ein Laborversuch angesetzt.

Wie ist es mit den Musiktiteln? Warum hören wir keine ganzen Monroe-Stücke so wie die sie gesungen hat?

Das Stück ist eigentlich sehr konzertant geschrieben. Wie ein Liederabend, der biografisch aufgedröselt ist. Bei mir ist es aber ein innerer Auftritt. Die Schauspielerin tritt nicht ans Mikrofon und singt als Monroe fürs Publikum. Sie trägt die Stimmung, die sie in dem Moment hat, und beschreibt den letzten Abend, den Versuch, ihre Biografie auf Band zu sprechen. Es war wichtig, gleich am Anfang zu zeigen: Marilyn Monroe war tablettenabhängig und hatte pathologische Züge. Es ist der Versuch, die Schauspielerin daneben aus dieser inneren Haltung heraus zu zeigen – im Erinnern von Auftritten, die sie vor Publikum hatte. Man sieht auf der Bühne nicht Marilyn Monroe, sondern zwei Menschen: die Schauspielerin und Monroe, der sich die Schauspielerin annähert. Deswegen ist der Gesang sehr zurückgenommen.

Diese Online-Premiere ist angekündigt als „Performance, die über die Echtzeit-Theaterübertragung hinausgeht“. Was heißt das?

Wir haben eine eigene Kamerakonzeption erstellt für diese Online-Premiere. Der Kameramann wird der Schauspielerin ganz nah sein. Man muss sich schon darauf einlassen, auf diesen Blick, den wir entwickelt haben. Es geht um die Persönlichkeit dieser Marilyn Monroe, nicht darum, die Sehnsucht nach einem netten Lied zu stillen. Das Gedankenexperiment basiert auf dem ersten Bild, wenn die Schauspielerin sich zurechtmacht und im Spiegel plötzlich Marilyn Monroe erkennt. Man weiß nicht genau, ist das schon die Monroe? Diese Suche nach Identität, die existentielle Frage, die jeden Menschen bis zu einem gewissen Grad begleitet, war unser Ansatz.

Katrin Filler
, Landshuter Zeitung, 15. Mai 2021