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HOMO FABER
VON MAX FRISCH
80 MINUTEN, KEINE PAUSE


 

DAS STÜCK
Technik versus Geist. Fakten versus Emotionen. Wahrheit versus Fantasie.

Walter Faber scheitert an seiner rational durchdrungenen Weltsicht. Als Technokrat hat er sich der Logik verpflichtet, nichts überlässt er dem Zufall – bis tief greifende Schicksalsschläge seinen rationalistischen Glauben zum Einstürzen bringen. Sein Leben läuft plötzlich wie im Zeitraffer an ihm vorüber: Er überlebt eine Flugzeugkatastrophe, findet einen alten Freund erhängt im Dschungel, stürzt, ohne es zu wissen, in eine Liebesbeziehung mit seiner Tochter, die bald verunglückt, trifft deren Mutter, seine große Liebe, wieder und erkrankt tödlich. Schmerzhaft erfährt er von einem Leben jenseits von Technik und Logik, lernt ein pralles, kraft- und lustvolles Leben kennen. Zu spät ...

Der Schweizer Autor und Dramatiker Max Frisch schrieb in den 1950er/60er-Jahren seine bekanntesten Werke, die bis heute inhaltlich relevant und stilprägend sind. In den Romanen und Theaterstücken stellt er die Frage nach der Konstruiertheit der Identität, nach der Verantwortung eines jeden Menschen, über sein Leben zu bestimmen und es zu gestalten. – Oder: Wofür lohnt es sich zu leben?

 

ES SPIELEN:
KNUD FEHLAUER
ULLA WAGENER
MICHAELA WEINGARTNER

REGIE:
GABRIELE GYSI

BÜHNE:
HELMUT STÜRMER

KOSTÜME:
HELENA NOLL

FILM:
ROLAND WENDRICH

TECHNIK:
JÜRGEN BEHL
PHILIPP DEGÜNTHER

 

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PRESSESTIMMEN

 

Werde Mensch, Mann!
Gabriele Gysis Inszenierung von „Homo Faber“ im Kleinen Theater Landshut 

So indigniert muss man aus einem notgelandeten Flugzeug erst mal aussteigen können wie dieser Walter Faber. Der Absturz mitten in der mexikanischen Wüste: keine Katastrophe, sondern nur ein ärgerliches Ereignis im Rahmen der Wahrscheinlichkeit. Max Frisch lässt diesen Homo Faber, der sein Leben allein der Arbeit gewidmet hat, in seinem Roman von 1957 den größtmöglichen Unfall erleben – er trifft auf den reinen Lebenshunger, die pralle Freude am Dasein: die junge Sabeth.

In Gabriele Gysis Bühnenfassung im Kleinen Theater Landshut prallen diese beiden Welten an Bord eines Schiffes wörtlich aufeinander. In einer völlig überdrehten Slapstickszene wird der Wendepunkt in Fabers Leben markiert. Arme, Beine, Koffer und Taschen werden zu einem Knäuel. Was der Flugzeugabsturz nicht bewirken konnte, schafft dieses Treffen mit Sabeth: Walter Faber wird langsam Mensch. Knud Fehlauer spielt diesen nüchternen Macher mit leiser Stimme und kleinen Gesten, nicht überheblich, aber doch fest in seinem Glauben an die Sachlichkeit verankert. Johanna von Gutzeits Sabeth ist ein bunter Wirbelwind, singend, mädchenhaft tänzelnd, Faber ins Leben reißend. Der Gegensatz wird in einer wunderbaren Szene herausgestellt: Faber steht am Bühnenrand und betrachtet, regungslos wie ein Wissenschaftler, die selbstvergessen tanzende und singende Sabeth. Diese Begegnung ist ein Zufall – und eine Tragödie antiken Ausmaßes: Allmählich wird Faber klar, dass das Mädchen, mit dem er eine Beziehung eingeht, mit dem er um die Welt reist, seine Tochter ist, von der er bisher nichts wusste.

Kurz darauf stirbt Sabeth nach Schlangenbiss und Unfall in einem Krankenhaus. Die Ortswechsel werden schlicht durch wandgroße Projektionen auf die Bühnenrückseite vollzogen: Flugzeug, Wüste, Küste, Schiffsdeck, Krankenhaus. Mehr als diese stimmungsvollen Schwarzweißbilder braucht die Bühne nicht.

Faber und Hanna sinnieren in diesem zweiten Teil, der im Vergleich zum ersten ein wenig an Spannkraft verliert, dabei jedoch inniger, tiefer wird, über das Leben, die Versäumnisse, die sich nicht mehr ungeschehen machen lassen. Fabers Wunsch „Ich will ein neues Leben“ kommt zu spät; eine Krankheit holt ihn. Natürlich ist das alles nichts Neues. Zumal ja praktisch jeder den Roman in der Schule gelesen hat, in dieser verwirrenden Phase, in der man nicht genau weiß, wohin mit sich. Aber genau dafür ist Theater ja auch da – den Menschen ab und zu freundlich anzutippen und ihn zu erinnern: „Denke dran, mein Freund: Lebe!“

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 14. Februar 2015

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Die Wiederholung eines Mythos
„Homo faber“ mit neuem Schwerpunkt im Kleinen Theater

„Homo faber“ der freischaffende Mensch, einer, der die Welt verändert, weil er ganz logisch denkt, weil er sich nicht durch Gefühle durcheinander bringen lässt. 1957 schrieb Max Frisch diesen Bestseller, der zur gymnasialen Schullektüre avancierte, ideal, um über das Spannungsverhältnis rein mathematisch berechenbarer Logik und impulsiven Gefühls zu diskutieren. 1991 von Schlöndorff verfilmt, geriet der Roman dann doch sehr schnell in Vergessenheit.

Begegnet man jetzt diesem Homo faber, alias Walter Faber, auf der Bühne, ist er mit Knud Fehlauer ein ganz Heutiger, ein wohlhabender Single, der durch die Welt tourt, zwischendrin, ziemlich grob, seine Freundin am Smartphone abserviert und die Welt durch seine Smartphonekamera erlebt. Indem das Wahrscheinliche alles Unwahrscheinliche enthält, gibt es keinen Grund mehr zur Mystifizierung des Unwahrscheinlichen. Genau dieser Aspekt interessiert Regisseurin Gabriele Gysi. Deshalb arrangiert sie einen ganz anderen, eigenwilligen „Homo faber“. Sie bricht die Chronologie der Romanvorlage auf und collagiert die Abfolge neu, chargiert ständig zwischen einst und heute, Technik und Natur, was per Videos (Roland Wendrich), atmosphärisch bestens gelingt und bis auf eine kleine Kuschelnische mit Live-Klavier die Bühne als weiten Weltenraum freilässt (Bühne: Helmut Stürmer).

Die Reise quer durch Europa, das verliebte Aufjauchzen reduziert sie auf ein Minimum, wodurch die Wirkung sehr frisch bleibt, zumal Knud Fehlauer als auch Johanna von Gutzeit als Tochter Elisabeth wunderbar authentisch spielen. Während er in Kinderliedern seine Lebensfreude kästchenhüpfend zum Ausdruck bringt, röhrt sie heiße Songs mit entsprechendem Hüftschwung. Es sind Geschöpfe zweier ganz unterschiedlicher Generationen. Doch das Gefühl der Liebe zieht sie magisch zueinander.

Das Glück endet schnell wie bei Max Frisch durch einen Schlangenbiss und einen Sturz gegen einen Felsen. Während Max Frisch den Tod Elisabeths und die Trauer der Mutter, ihr brüskes Verhalten gegenüber Walter Faber nur kurz konstatiert, beginnt hier Gabriele Gysis persönliche Interpretation, die sie bereits durch entsprechende Texteinfügungen vorbereitet hat. Es geht ihr nicht um den „Homo faber“. Es geht Gabriele Gysis um die Wiederholung eines Mythos. Doch es ist weder der Ödipus-Komplex noch das Elektra-Phänomen. Allein das kurz erwähnte Bild des Efeus gibt Sinn. Wie Efeu klebt die Liebe auf dieser Familie. Deshalb dürfen Walter Faber und Hannah noch einmal Nähe spüren. Seifenopernkitsch oder Seelenverwandtschaft, die vergangene Wunden auszulöschen vermag? Egal ob man diese Version von „Homo faber“ mag oder nicht, sie ist eine wunderbare Parabel, wie das Denken das Sein bestimmt und sich festzementierte Sichtweisen verändern können.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 18. Februar 2015

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Ein Literaturklassiker, modern und mitreißend
Gabriele Gysis Inszenierung von "Homo faber" im Kleinen Theater


Drei hervorragende Schauspieler verkörpern die drei Hauptcharaktere des Werkes, Walter Faber (Knud Fehlauer), Hanna (Ulla Wagener) und Sabeth Piper (Johanna von Gutzeit) mit Leidenschaft und sehr viel Gefühl. Zudem gelingt es dem Zuschauer ohne Probleme, die Intention und die Hauptthemen des Stückes, wie Rationalität und Berechenbares, Mystik und Unberechenbares und die fortlaufend verrinnende Zeit, nachzuvollziehen. Anerkennenswert ist auch, dass gezielt die Schauspielerei und nicht eine Vielzahl an Requisiten oder andere Ausschmückungen des Bühnenbildes im Vordergrund stehen. Emotionen, wie jugendliche Begeisterung und Hoffnung, aber auch Melancholie und Angst werden zusätzlich durch sehr passende, musikalische Elemente unterstrichen, was die Inszenierung einzigartig macht. Etwa zur Hälfte des Stückes hält Hanna einen Vortrag über griechische Sagen und Götter in einem Amphitheater, indem sie den sogenannten Elektra-Komplex erwähnt. Hierbei handelt es sich um ein Mädchen, das sich unsterblich in ihren Vater verliebt und somit einen Dreieckskonflikt zwischen Mutter, Vater und Tochter auslöst.

Abschließend kann man sagen, dass die Inszenierung sehr gut gelungen und auf jeden Fall empfehlenswert ist – und das nicht nur für Schüler. Gabriele Gysis Inszenierung schafft es, die Zuschauer anzuregen, über sich selbst und die heutige Gesellschaft nachzudenken. Denn das wahre Leben ist eben nicht immer plan- und berechenbar. Es geschehen Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Aber genau das macht das Leben so spannend.

Franziska Dietz, Wochenblatt, 18. Februar 2015