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DIE ÄNGSTLICHEN UND DIE BRUTALEN
VON NIS-MOMME STOCKMANN
100 MINUTEN, KEINE PAUSE

DAS STÜCK
Verstehst du – es ist egal,
er ist tot.
Es ist tot – Alles ist tot!
Das kleine theater zeigt jetzt seine Schwarze Komödie "Die Ängstlichen und die Brutalen", sehenswert und faszinierend unterhaltsam schon allein wegen einer Situation, wie sie Samuel Beckett nicht schöner hinbekommen hätte: Zwei Brüder haben mit dem Umstand umzugehen, mit dem toten Vater in dessen Wohnung zu sein, eine Situation, an der sie grandios scheitern, weil sie nie ihre Verhältnisse zueinander geregelt bekommen haben. Jetzt stülpen sie ihr Inneres nach außen, aber es ist alles längst zu spät. Hier funktioniert keiner mehr.

ES SPIELEN:
JULIUS BORNMANN
RUDI KNAUSS
MARCUS WIDMANN

REGIE:
BORIS C. MOTZKI

TECHNIK:
PHILIPP DEGÜNTHER

PREMIERE:
25. Januar 2013

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PRESSESTIMMEN

 

Für immer untot
Gelungene Stockmann-Premiere am Kleinen Theater Landshut

Bruderkampf angesichts des Todes des Familienvaters, ein Ringen zwischen Liebe und Hass, Diadochenzwist um die Deutungshoheit angesichts der plötzlich entstandenen Machtlücke: Was Nis-Momme Stockmann in seinem Stück „Die Ängstlichen und die Brutalen“ erzählt, ist eine im Grunde uralte Geschichte, historisch bedeutsam im Erbschaftsstreit der Nachfolger beim Herrschertod, heute mehr oder minder privat als lustvolles Exerzierfeld der Psychoanalyse mit durchaus familienfeindlichem Drall: Das Gewaltsystem der Väter erzeugt die Minderwertigkeitsgefühle, Ängste und Komplexe der Kinder, entwickelt den Hass aus dem Geliebtwerdenwollen.

Stockmann nimmt diese Grundkonstellation und dreht sie ins Makabre: Zwei Söhne, Eirik und Berg, treffen auf den tot im Lehnstuhl sitzenden Vater, wissen nicht, was sie tun sollen, erkennen, dass sie weder ihren Erzeuger noch sich gegenseitig und nicht einmal sich selbst je richtig kennengelernt haben. Die beiden, antipodische Versionen des obskuren Väterchens, ringen um die richtige Version des Weiterlebens, scheinbar pragmatisch und gebietend Eirik, scheinbar ein wenig einfältig und gehorchend Berg.

Im Kampf um die Oberhoheit drehen sich aber allmählich die Kompetenzen und Kräfteverhältnisse: Das ist der Kern des Dramas.

Und der Vater kämpft, für immer untot, in seinen Söhnen mit. Hier nun setzt Boris Motzkis Interpretation des Stücks moderner Dramenliteratur im Kleinen Theater Landshut ein. Er lässt den Vater tatsächlich mitspielen, eine Art lebender Leichnam (Rudi Knauss mimt ihn mit fröhlicher Unheimlichkeit), der den Stoff ins Groteske dreht. Und das tut ihm durchaus gut. Stockmanns vielschichtige, starke Dramen bedürfen einer gleichfalls starken Regiebearbeitung, um wirklich zu funktionieren; Motzki ergreift die Möglichkeiten des Absurden, greift auch mutig ein in den Text, um zu zeigen, was alles jenseits seiner Spieloberfläche drinsteckt: philosophische Betrachtungen über Tod und Leben, psychoanalytische Erkenntnisse über die Entstehung der Angst vor dem Tod und vor dem Leben gleichermaßen, die tiefen, trüben Untiefen menschlicher Existenz.

Heiterkeit ist Stockmanns Texten fremd.

Sein Ding ist die Beklemmung. Motzki nun sucht eine Antwort im Schrillen. Heraus kommt ein erstaunlich radikaler, auch unterhaltsamer Theaterabend, der dazu angetan ist, Gewissheiten zu erschüttern und mit der Grenze zwischen Leben und Tod herumzuspielen. Motzki zur Seite stehen mit Marcus Widmann (Eirik) und Julius Bornmann (Berg) zwei wunderbare, sehenswerte Schauspieler.

Vor allem Bornmann läuft zu Höchstform auf; seinen Wandlungsprozess vom tumben Einfältling zum bedrohlichen, durchgeknallten Sonderling zeigt er, indem er immer mehr zum – sein Vater hatte ein sehr eigenartiges Verhältnis zu diesen Tieren – Katzenmenschen wird: Krönung des absurden Spielverlaufs. Was Motzki aber auch nicht vermeiden konnte, ist der Eindruck, dass das Stück kein richtiges Ende findet. Es ist um ein, zwei Handlungsschrauben zu lang. Aber langweilig, das ist es nie.

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 29.01.2013

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Die Selbsterkennung im Gegenüber
Nis-Momme Stockmanns „Die Ängstlichen und die Brutalen“ beeindruckt in einer Inszenierung von Boris C. Motzki in den Kammerspielen Landshut

Landshut. Der alte Vater ist schon seit einiger Zeit tot. Gefunden wird er von seinen zwei völlig überforderten Söhnen. Nis-Momme Stockmanns Kammerspiel „Die Ängstlichen und die Brutalen“, Uraufführung in Frankfurt 2010, ist ein existenzielles Stück über die Unfähigkeit der Menschen, sich zu entwickeln, sich gegenseitig wahrzunehmen und Verantwortung zu übernehmen. Stockmanns chiffrierte Reflexionen, er nennt diese eingearbeiteten Prosatexte schlicht „Zettl“, verdichten die Handlung metaphorisch, machen in ihrer sprachlichen Irritationen betroffen.

Zwei völlig unterschiedliche Söhne treffen aufeinander: Berg, der jüngere, ängstlich, desinteressiert, der ältere Erik, ein brutaler Macher. Die Polarisierung löst sich im psychologischen Nahkampf auf. Nur die Handschuhe bleiben und konterkarieren die Denkklischees auf der Bühne und im Zuschauerraum. Der tollpatschige Berg mit den Wollhandschuhen mutiert zum Würger, der lederbehandschuhte Macher Erik knickt nach Aggressionsattacken in Angstweinkrämpfen ein. Warum dieses verzweifelte gegeneinander angesichts des Todes? Berg und Erik kämpfen gegen ihr eigenes Ego, ihre Erziehung, ihre Alpträume, ihr Versagen, die gegenseitigen Verletzungen, letztendlich gegen die Angst vor dem Nichts.

Die offene Textstruktur des Stücks nützen Regisseur Boris C. Motzki und Dramaturgin Maja Nemere für eine intensive Theatralisierung, wodurch das Stück noch vielschichtiger wird. Die „Zettl“ bekommt der tote Vater als Text. Damit entwickelt sich ein surreales Dreiecksverhältnis. Der Vater, von Rudi Knauss mit abgehobener Milde jenseits von Gut und Böse gekonnt in Szene gesetzt, von den Söhnen statt wie im Original auf eine Matratze in eine hochkant gestellte Glasvitrine gehievt, wird zur erhellenden Lichtfigur. Wie Gott Vater beobachtet er das lächerliche Treiben seiner Söhne, allerdings amüsiert und unberührt. Mit tänzerischer Grazie eines Deus ex machina hüpft der Vater aus dem Glasschrein, um anhand der Kreisstruktur das Eingegrenztsein menschlicher Existenz zu demonstrieren, die sich vergeblich nach zu hoch gestellten Töpfen streckt, sich im „Metonymischen Ballett“ von „Wollen, Müssen, Haben“ in tänzerischer Expression befreien möchte. Wenn der Sohn gefangen im todesstarren Griff des Vaters aufschreit, der Vater mit dem völlig erschöpften, fast erdrosselten Sohn Erik eine Orange teilt, entstehen Momente sarkastischer Abhängigkeit, Momente sakraler Stille.

Julius Bornmann (Berg) und Marcus Widmann (Erik) leuchten die Facetten der beiden Söhne in einer Intensität aus, die unter die Haut geht. Sie spielen bis zum physisch-psychischen Knock-out. Ausgestattet mit Schnurrbart und Fellmütze (Kostüme Julia Borchert) agiert Julius Bornmann zunächst als infantile Satirefigur des ewigen Losers. Nach brutaler Zwangsrasur blutverschmiert, mimt er eine Raubkatze, die den Bruder nicht mehr aus den Krallen lässt und dessen psychotisches Unterbewusstsein als Racheakt bis zum Zusammenbruch aktiviert. Marcus Widmann, in Hellgrün und Taubenblau mit weißen Schuhen der flotte Macher schlechthin, demontiert die Souveränität des großen Bruders. Er agiert immer brutaler und aggresiver als Folge von Verletzungen in der Kindheit, die an pädophile Übergriffe denken lassen.

Die schauspielerische Intensität zieht hinein in Stockmanns Existenzpessimismus, der durch die Textkürzungen noch klarer wird. Der andere, das ist die Angst. Unter der glatten Oberfläche ist nur Müll, kein Platz für Poesie. Hunderte kleiner Gedichtzettl des Vaters stecken hinter den grünen Vorhängen ungelesen in den Ritzen der Wand. Unkontrolliert ergießt sich auf der anderen Seite ein Schwall von Plastikmüll auf die Bühne (Bühnenbild: Anke Niehammer). Und die Botschaft? Was bleibt? Nach Stockmanns „Gar nichts“, in der Landshuter Inszenierung textlich noch verstärkt: „Wir sind keine Menschen mehr“. Berg hängt das letzte Brett ein und schließt damit den Sarg um sich und die ganze Bühne.

Michaela Schabel, Mittelbayerische Zeitung, 29.01.2013


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Der Tod zwischen Posse und erhobenem Zeigefinger
„Die Ängstlichen und die Brutalen“: Hohes Tempo bei Premiere im Kleinen Theater

Kaum haben wir Platz genommen, sind wir auch schon mittendrin in einer ganz und gar makabren Szene bei der jüngsten Premiere im Kleinen Theater, „Die Ängstlichen und die Brutalen“ von Nis-Momme Stockmann. Der sanfte Hänfling Berg (Julius Bornmann) und der polternde Macho Eirik (Marcus Widmann) finden ihren Vater zusammengesunken im Sessel, offensichtlich gestorben eines einsamen Todes. Was tun? Polizei und Bestatter anrufen, wie Berg fleht. „Dass die uns ansehen, als wäre es uns scheißegal, dass uns der Vater stirbt“, wiegelt Eirik ab. Nach einigem Hin und Her landet die Leiche in einer Duschkabine/Abstellkammer, wo sie ein erstaunliches Eigenleben entwickelt. Aber dazu später.

Julius Bornmann mit Leichtigkeit im Spiel

In der Stunde der Not müssen die beiden Brüder erkennen, dass sie eigentlich nichts von ihrem Vater wissen. Dass K er Gedichte geschrieben hat. Dass er ein veritabler Messi war. Dass in seinem Müll auch so mancher Katzenkadaver vor sich hin verwest. Offenbar wird im Angesicht des Todes auch: Sie wissen nichts voneinander. So wird der Tod des Vaters schnell zur existenziellen Krise für die beiden Hinterbliebenen. Es dauert nicht lange und sie gehen sich an die Gurgel. Das ist mal urkomisch, mal bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Berg wandelt sich vom ängstlich-sentimentalen Tropf zum brutalen Peiniger, der seinen Bruder schließlich mit dem Telefonkabel stranguliert. Eine Paraderolle für Julius Bornmann, der das ganze Spektrum dieses beinahe schizophrenen Charakters mit spielerischer Leichtigkeit abarbeitet. Wie ein Verrückter teufelt er als miauende Sterbekatze mit Plastikschwanz über die Bühne. Ein Ereignis. Das ganze Geschehen interessiert verfolgt vom Verstorbenen, der in kurzen Gaga-Einlagen immer wieder zum Leben erwacht. Und schließlich mehr als nur andeutet, woran er wirklich zugrunde gegangen ist: „Ich hasse euch für alles, was ihr mir gegeben habt, außer für die Prügel. Die haben mir geholfen, euch zu hassen.“ Rudi Knauss gibt diesen lebendigen Toten und hat die wohl schwierigste Aufgabe in diesem Kammerspiel zu bewältigen: von der Totenstarre zum Gefühlsausbruch und zurück in Sekundenbruchteilen – diesen Spagat muss man auch erst einmal hinzaubern.

Rudi Knauss mit riesigem Spagat

Weil auch Marcus Widmann als strauchelnder Macho Eirik zu überzeugen weiß, müsste eigentlich alles in Butter sein. Ist es aber nicht ganz. Was sich in der Theorie nämlich saukomisch und kurzweilig anhört, flutscht nicht immer. Was vor allem daran liegt, dass sich der Autor in seiner Versuchsanordnung nicht so recht zwischen Possenspiel und erhobenem Zeigefinger entscheiden kann. Regiedebütant Boris Motzki macht das Beste draus, hält das Tempo hoch und lässt das Trio auf der Bühne wirbeln. Das Premierenpublikum quittiert‘s mit reichlich Applaus und Bravo-Rufen. Alles in allem zurecht.

Christian Blümel, Wochenblatt, 30. Januar 2013

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Von Menschen und Monstern
“Die Ängstlichen und die Brutalen” in Landshut

Das Gegenwartstheater hält Einzug auf der Bühne der Kammerspiele Landshut. Ein Stück des jungen deutschen Dramatikers Nis-Momme Stockmann wurde vom Regie-Neuzugang Boris C. Motzki inszeniert. Auf der Webseite wird das Stück als Schwarze Komödie angekündigt, das stimmt allerdings nur zum Teil. Tatsächlich wird dem Zuschauer ein grotesker, nicht leicht zu verdauender und vor allem philosophischer Theaterabend geboten. Erzählt wird die Geschichte der Brüder Eirik und Berg, die nach einem Anruf ihres Vaters diesen tot in seinem Wohnzimmersessel finden. Sie sind überfordert mit der Situation (...) Sie entdecken zudem, (...) wie wenig sie eigentlich von ihm wussten.

In ihrer Ratlosigkeit reagieren die Brüder ganz verschieden.

Der schüchterne und naive Berg wird hektisch, will alles so schnell wie möglich hinter sich bringen. Eirik hingegen hat Angst, dass man ihm nachsagen würde, er habe sich zu wenig um den Vater gekümmert, und lässt seinen Frust meist sehr brutal am kleinen Bruder aus. (...) Die Inszenierung entwickelt sich von einer Schwarzen Komödie, in denen vor allem Slapstick-Einlagen die Zuschauer zum Lachen bringt, zu einem handfesten Drama zwischen zwei Brüdern, die sich bis auf’s Blut bekämpfen. (...)

Sehr gut gewählt sind die beiden Hauptdarsteller Julius Bornmann als Berg und Marcus Widmann als Eirik, die nicht nur schauspielerische sondern auch körperliche Höchstleistungen vollbringen und die gegensätzlichen Entwicklungen ihrer Figuren sehr schleichend aber intensiv darstellen. Berg wird vom stotternden Versager zum dämonisch grinsenden Monster, Eirik vom selbstverliebten Idioten zum ängstlichen Häufchen Elend. Zwischenzeitlich scheint es auch immer wieder zur Versöhnung zu kommen, was aber einer der beiden Protagonisten zerstört. Ihnen zur Seite steht Rudi Knauss als toter Vater, der erst die reglose Leiche spielt, dann den zynischen Kommentator. Dieser Theaterabend ist sicherlich nichts für Zartbesaitete, aber enorm beeindruckend. Man wird nicht nur mit dem Thema Tod konfrontiert, sondern auch mit der Frage, wie lange ein Mensch es aushalten kann, von anderen gedemütigt zu werden.

mak089, Theater to go, 26. Januar 2013