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HYSTERIKON
VON INGRID LAUSUND
120 MINUTEN, EINE PAUSE

DAS STÜCK
Das Leben ist eine Show und wir sind die Kandidaten. In „Hysterikon“ geht es um Erich Fromms Frage nach Haben oder Sein: Das ganze Leben der Gesellschaft erscheint als eine Ansammlung von Spektakeln.

Lausund hat in ihrem Stück eine wunderbare Metapher gefunden für unsere Konsumgesellschaft: Menschen aller Schichten des gesellschaftlichen Zirkus treffen in einem Supermarkt zusammen. Im Brennglas dieser Betrachtung vergrößert sich der Irrwitz und Irrsinn unserer Zeit. Es sind groteske Alltagsmenschen auf der Suche nach Halt.

Ein heiterer, nachdenklicher und surrealer Theaterabend. Die Autorin Ingrid Lausund ist dem Landshuter Publikum bekannt durch die erfolgreichen Inszenierungen von „Bandscheibenvorfall“ und „Konfetti“.

ES SPIELEN:
SEBASTIAN GERASCH
STEFAN LEHNEN
CARMEN-DOROTHÉ MOLL
CORNELIA VON FÜRSTENBERG
ANNA TAKENAKA
MARCUS WIDMANN

REGIE:
KONSTANTIN MORETH

BÜHNE:
GRETL KAUTZSCH

KOSTÜME:
JULIA BORCHERT

PREMIERE:
4. OKTOBER 2013

AUSZEICHNUNGEN:
DARSTELLERPREIS (SEBASTIAN GERASCH) AUF DEN 10. WASSERBURGER THEATERTAGEN 2014

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PRESSESTIMMEN

 

Lebenskrisen am Kühlregal
Ingrid Lausunds "Hysterikon" am Kleinen Theater Landshut

Es ist nicht schön, wenn man auf der Bühne eine Katastrophe präsentiert bekommt und feststellt: So weit ist das gar nicht entfernt von der Welt da draußen. In Ingrid Lausunds bunten Konsumkritikspektakel "Hysterikon" trifft man sich im Supermarkt, und alles, alles ist käuflich: die Liebe, das Leben, das Überangebot an Produkten sowieso. Konstantin Moreth hat das angenehm verrückte Episodenstück jetzt angenehm verrückt im Kleinen Theater Landshut inszeniert.

Und lässt erst mal die Regale leer. Wo man eine Überfülle an Waren erwarten könnte, stehen nur weiße Regal-Stellwände auf Rollen, man vermisst im Bühnenbild von Gretl Kautzsch: nichts. Die konsumfreudige Masse stürmt den Laden in einer Garderobe vom Grabeltisch (Kostüme: Julia Borchert), einzig allein Stefan Lehnen als moderierender, kommentierender Kassierer sticht im adretten Anzug hervor. 

Konstantin Moreth hat den Text aus dem Jahr 2001 von Hamburg nach Bayern verlegt, aus der Alster die Isar gemacht und einige aktuelle Bezüge zur Finanzkrise in Griechenland eingebaut. Das Stück funktioniert. Ob es hilft? Ein alter Mann bezahlt seinen Traum von einem anderen Leben mit dem Leben, Konsumenten sind kurz hilflos betroffen, dann geht der Einkaufsreigen weiter.

Die lustigste Szene des Abends hat, kurz nach der Pause, Sebastian Gerasch als beatboxender, rappender paranoider junger Mann mit einer zu lauten Jacke. Schwitzanfall und Atemnot beim Versuch, ein allzu lautes Lachen zu unterdrücken. Sehr schöner Abend mit langem Applaus.

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 7. Oktober 2013

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Haben statt Sein: das neuzeitliche Begehren

Ingrid Lausunds gekonnte Konsumsatire "Hysterikon" entwickelt in den Landshuter Kammerspielen berührende Tiefen menschlicher Sehnsüchte

Haben statt Sein ist die Devise. Das Ergebnis ist ein Feuerwerk skurriler Sinnkrisen, in denen poetische Momente als sinngebender roter Faden aufleuchten. Die Konsumwelt strahlt designed. Alles ist zu kaufen. Joghurt, Schießpulver, Sex. Debile Konsumenten unterschiedlichster sozialer Herkunft irren durch die Schluchten weißer Regale. Die sind leer, leer wie die Emotionsakkus der Menschen, nur Projektionsflächen für die unerfüllbare Sehnsucht nach Mitmenschlichkeit und authentischem Leben.

In 18 Szenen spiegelt Ingrid Lausunds Szenencollage „Hysterikon“, 2001 in Hamburg uraufgeführt, die Auswüchse unserer Konsumgesellschaft zwischen überdimensionierter Haben-Welt und verkümmerten Sein. Der Mensch als Ware: So neu ist die Thematik nicht, doch durch die originäre Sprach- und Bildkraft Ingrid Lausunds wird „Hysterikon“ unter der stringenten Regie von Konstantin Moreth im kleinen Theater Landshut ein Volltreffer.

Im Supermarkt begegnen sich Menschen als wandelnde Klischees, in schrill bunten Klamotten samt Preisetiketten (Kostüme: Julia Borchert) ausgestellte Warenträger. Immer deutlicher blitzen in den skurrilen Slapsticks die Psychosen unseres Lebensstils auf. Gekonnt oszillieren Schauspieler zwischen witziger Typisierung und menschlicher Tragik. Je schräger die hysterischen Sinnkrisenschübe desto punktgenauer die geistigen Lichtblitze im Manipulationsgewaber der Warenweltmaschinerie. Der Kassier, Stefan Lehnen, agiert gleichzeitig als smarter Moderator mit Mario-Adorf-Sympathiefaktor und hinterfragendes Figuren-Alter-Ego, hält die Fäden wie ein Deus ex Macchina souverän, zuweilen brutal wie ein Zuhälter in der Hand. Er bilanziert alles auf der Live-Card, resümiert wie ein Manager messerscharf. „Würde“ a la „ich würde“ findet nur noch im Konjunktiv statt. Das sitzt wie so manch anderer Satz aus Ingrid Lausunds Feder.

Ein Feuerwerk geistiger Impulse

Herrlich abgedreht, quirlig sexy multikulturell, zündet Anna Takenake ein Feuerwerk geistiger Impulse, kaum gedacht, schon Kino manipuliertes Klischee. Dazu passt das im Dauerclinch keifende Ehepaar (Sebastian Gerasch und Carmen-Dorothé Moll) in Titantic-Pose. „Warum kannst du mich nicht anders träumen?“, resümiert die Frau. Ja, das wäre die Lösung. Aber selbst die Träume entpuppen sich nur als Mittel zum Zweck, wenn die Vision einer Philemon-Baucis-Liebe bis in das hohe Alter doch nur ein One-Night-Stand bleibt. Solche Szenen machen betroffen, sind in ihrer Sehnsucht nach Liebe und Authentizität der rote Faden in den immer skurriler werdenden Konsumsequenzen.

Sebastian Gerasch verwandelt sich als „laute Jacke“ zum Inbegriff gepeinigter Kreatur. In Cornelia Pollaks Freudenmädchen endet bezaubernder Eros in abgrundtiefer Einsamkeit. Der Lover (Marcus Wiedmann) weiß um seine Armseligkeit. Das sind berührende Momente, wie man sie sich auch für die „Fleißbildchen“-Szene und die Sterbeszene gewünscht hätte. Hier trägt zwar der Text, aber Detlev Moreaus schauspielerische Umsetzung bleibt zu schlicht, verharrt in statischer Erzählhaltung.

Der Tod ist schnell vergessen

Vom missglückten Leben erlöst nur der Tod und der ist schnell vergessen. Zu stark sind die Strategien der Konsummanipulation. Nein, auf den Kassier wird nicht geschossen. Die Revolution der Konsumenten verliert sich im neuen Glücksspiel und in digitalen Welten. Skurril und poetisch trifft „Hysterikon“ im kleinen Theater Landshut die Auswüchse unserer Warenweltkultur.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 9.Oktober 2013
und Mittelbayerische Zeitung, 7. Oktober 2013

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Total enthemmter Kaufrausch
Hinein in die neue Spielzeit im Kleinen Theater mit der hysterischen Premiere von "Hysterikon

Dass es kein gemütlicher Theaterabend für die Freunde der leichten Muse werden würde, war klar. „Hysterikon“ von Ingrid Lausund als erste Premiere der neuen Spielzeit im Kleinen Theater – das war ein bewusst gewähltes Ausrufezeichen. Intendant Sven Grunert will wieder rütteln und schütteln, will wieder provozieren und eulenspiegeln. Da ist ihm dieses heftige Stück Konsum und Gesellschaftskritik gerade recht gekommen.

Denn trotz noch so vorhersehbarer Message ist das 2001 uraufgeführte Stück erstaunlich unterhaltsam. Amüsant sogar, wenn etwa Sebastian Gerasch gegen seine raschelnde neue Jacke anrappt. Oder wenn Anna Takenaka als grenzdebile Migrantin nicht weiß, was sie will, weder im Warenregal noch in ihrem Leben.

Nichts ist echt in dieser Groteske, kein Geschäft, kein Gespräch, kein Gefühl. Sogar die Musik zum munteren Trauerspiel ist „falsch“, besteht meistens aus Coverversionen bekannter Songs. Immerhin spannender als echtes Supermarktgedudel. Es geht nur um drei Maximen in „Hysterikon“: kaufen, kaufen, nichts als kaufen. Selbst wenn man dafür vor die Hunde geht wie Detlev Moreau als trauriger Möchtegern-Kapitän. Oder sich eine Beziehung nur noch an Äußerlichkeiten festhält wie beim von Carmen Dorothé Moll und Sebastian Gerasch gespielten Albtraum-Pärchen. Es geht heftig zur Sache auf der Bühne.

Wie hoch der Einsatz ist, mit dem die sieben tapferen Schauspieler unter der Regie von Konstantin Moreth diesen total enthemmten Kaufrausch in Szene setzen, dokumentiert Kassierer Stefan Lehnen. Blutunterlaufene Striemen zieren seine linke Backe auf der Zielgeraden von „Hysterikon“. Eingefangen bei einer heftigen Rangelei um käufliche Liebe von Kollegin Cornelia Pollak. Unabsichtlich natürlich.

So viel Einsatz sieht das Publikum natürlich gerne. Aber den tosenden Applaus hat sich das Ensemble nicht nur wegen seiner physischen Präsenz verdient. Es hat uns einen anstrengend-intensiven Theaterabend beschert.

Christian Blümel, Wochenblatt, 9.Oktober 2013

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Kommerz und Wahnsinn – Ingrid Lausunds “Hysterikon” in Landshut

Wie Zombies irren die Konsumenten durch einen sterilen, weißen Supermarkt. Als plötzlich Werbeanzeigen mit Sonderangeboten aufleuchten, laufen wie sie ferngesteuert dorthin. Der Chef des Supermarktes, ein eleganter, dunkel gekleideter Herr, macht sich über die Dummheit der Kunden lustig und leitet fortan als Conférencier durch den zweieinhalbstündigen Theaterabend. Konstantin Moreths Inszenierung von „Hysterikon“ feierte am vierten Oktober im Kleinen Theater Landshut Premiere. Das Stück der Ingolstädter Autorin Ingrid Lausund stammt aus dem Jahr 2001 und erzählt von den vielen Gesichtern unseres Kaufverhaltens. Dabei wird dem Zuschauer vor Augen geführt, dass nicht nur Lebensmittel und Kleidung, sondern auch Gefühle und sogar Menschen als Ware gehandelt werden.

Der Abend ist sehr amüsant, bringt den Zuschauer aber auch zum Nachdenken. Schöne Momente wie die große Liebe werden schnell wieder aufgelöst und über allem steht immer wieder der teuflische Verkäufer, der die Menschen gegen ihren Willen beeinflusst. Doch nicht nur er, auch andere Figuren nehmen negativen Einfluss auf ihre Mitmenschen. Ein Mann umgarnt eine Tänzerin, die kein Interesse an ihm zeigt. Er erzählt ihr, dass er im hohen Alter neben ihr aufwachen will und einfach mit ihr glücklich sein. Doch nach der gemeinsamen Liebesnacht lässt er sie wieder alleine. Der Laden gilt aber auch als Metapher für das menschliche Leben. Die Protagonisten bezahlen etwa mit der Lifecard für ihre Träume, ist diese ausgeschöpft sterben die Inhaber.

Das Ensemble agiert wieder so perfekt mit- und nebeneinander, wie man es im kleinen Theater Landshut eigentlich gewöhnt ist.

Bei der Premiere gab es zwar den ein oder anderen merkbaren Texthänger, aber das tat der Inszenierung und den hervorragend aufgebauten Stimmungen der einzelnen Szenen keinen Abbruch. Stefan Lehnen spielte den Verkäufer derart charmant und sarkastisch, dass man eigentlich das Hinterlistige der Figur erst später erkennt, als er zum Beispiel eine Prostituierte fertig macht. Die Figur erinnert an einen modernen Mephisto, der in die Gedanken und Leben der anderen Protagonisten eindringt und sie nach seinen Wünschen lenkt. Herrlich die Szene, in der sie ihr Leid mit verschiedensten bekannten Melodien klagt. Dies war nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch sehr sehr gut gesungen.

Das Bühnenbild von Gretl Krautzsch wirkt steril und mit beleuchteten weißen Holzrahmen fast unheimlich. Der Verkäufer versucht immer zwanghaft Ordnung in seinen Supermarkt zu bringen, doch die anderen Figuren bringen in Rage des Öfteren alles durcheinander.

mako89, theatertogo, 9.Oktober 2013