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KLEINE EHEVERBRECHEN
VON ÉRIC-EMMANUEL SCHMITT

DAS STÜCK
Wellen von Wut und Zärtlichkeit, von Zuneigung und Flucht: die Ehe als dauerhafte Brandung im Leben zweier Menschen. Lisa und Gilles sind seit 15 Jahren gefangen im Mit- und Gegeneinander, in der Grauzone zwischen Gehen und Bleiben, Traum und Trauma. Schicksal ist nicht recyclingfähig, lautet ein Fazit aus „Kleine Eheversprechen". Stattdessen schraubt sich der Text hinein in die Wunden und Chancen der Protagonisten, aber auch in Erkenntnisse über das, was man Liebe nennt.
Schmitt erkennt in ihr eine Macht, vor der man nicht im Moment des Zweifels davonrennen sollte. Mit dieser Macht konfrontiert er seine beiden Protagonisten. Und zeigt, dass hinter allem möglichen Unglück immer auch das Potenzial zum Glück durchscheint.

ES SPIELEN:
MAJA ELSENHANS
KNUD FEHLAUER

REGIE / DRAMATURGIE:
GABRIELE GYSI

REGIEASSISTENZ:
MARIA WIMMER

BÜHNE:

GABRIELE GYSI

KOSTÜME:
IRINA KOLLEK

REQUISITE/MASKE:
HELENA NOLL

TECHNIK:
PHILIPP DEGÜNTHER
HAMID KHAOUI
VLADIMIR BAGLAY

PREMIERE:
12. März 2016

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PRESSESTIMMEN

 

Eleganz hinter Blubberblasen
„Kleine Eheverbrechen“ im Kleinen Theater Landshut


Dem Kugelfisch, wenn man ihn reizt, sieht man kaum an, dass er ein eleganter Fisch ist. Eher ist er ein oft igelstachliger, deutlich geblähter Rundling.

Bei Gabriele Gysis Regie-Interpretation von Eric-Emanuel Schmitts „Kleine Eheverbrechen“, das jetzt am Kleinen Theater Landshut Premiere hatte, verhält es sich ebenso: Es erhält abenteuerlich arabeske Rundungen und ein derart hochtouriges Spielverfahren, dass man an den eigentlichen Text und seine Subtilitäten nur schwer herankommt. Interessant anzuschauen ist das zwar, aber die Schlankheit Schmitt’scher Sprach- und Inhaltseleganz geht schnell mal stiften hinter Blubberblasen.

Dieses Überdrehungsmoment zeigt sich gleich zu Beginn der Inszenierung mit Videoeinspielungen von Großstadtbildern, deren Sinnhaftigkeit sich nicht ganz dem Folgenden zuweisen lassen. Danach reduziert sich diese Sicht als Blick aus einem Hochparterrefenster. Draußen pulst der Großstadtverkehr. Das Pulsen ist ein dauerhaftes.

Denn schon flipperkugelt Maja Elsenhans als Lisa herein, rast hin und her, haut erregt auf die Piano-Tastatur, und man ahnt schnell, dass hier statt Konzentration auf den Text und seine subtile sprachliche und dramaturgische Hinterlist mehr auf eine chronische Überreiztheit der Umsetzung gebaut wird. Knud Fehlauer als Gilles, der seinen Text in seltsam gestelzt-manierierter Form zu zerkauen hat, wird zwischendurch recht laut, damit man zwar mitbekommt, dass der Inhalt ihm jetzt gerade besonders bedeutsam scheint, vom Inhalt selbst vor lauter schnarrendem Geplärre aber möglichst wenig; und dazu muss er auch noch, warum auch immer, anfangen zu stottern. Dann wieder hüpft er singend und die Luftgitarre schlagend durch die Wohnung, und Lisa tanzt oder erotisiert ein bisschen herum, was alles wenig mit dem Text zu tun hat, den Spielern aber immerhin gehörig Bühnensport verschafft. Die Regie schafft Bilder, die nicht zum Text hinführen, sondern permanent von ihm weg, weil sie für ihn schlicht zu kugelfischig-plump sind. Was schade ist.

Denn von Schmitts voltenreicher Handlung bleibt ja immer noch genug übrig, um sich klarmachen zu können, was dieses Ehepaar sich da seit Jahren an Schmerzen angetan hat und welch abenteuerliche Konstruktion es schlussendlich braucht, damit ihr Zusammensein überleben kann. Dieses sprachliche Pas de deux in einer Partnerschaft zwischen Zuneigung und Last ist ebenso melancholisch wie komisch, das zeigt dieser Abend ansatzweise eben auch; und das, weil Elsenhans und Fehlauer die wenigen Momente, die ihnen bleiben, um das Intime des Textes herauszustellen, feinnervig nutzen. Diesen feinziselierten sprachlichen Florettkampf um den jeweiligen – flott wechselnden – Hoch- und Niedrigstatus in einer Beziehung darzustellen, hätte denn auch völlig gereicht. Als kluge Eheanalyse aber bleibt für Text und Stück dennoch das Prädikat: sehenswert.

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 15. März 2016

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Kleine Eheverbrechen
Eric-Emanuel Schmitts Ehekrimi im Kleinen Theater


Er kommt nach einem Unfall mit Anamnese nach Hause. Sie erwartet ihn in psychotischer Hektik, will ihn fürsorglich nach ihren Vorstellungen recyceln. Unter der Oberfläche tauchen nach und nach die „Kleinen Eheverbrechen“ auf, die dieser Ehe den Garaus machen. Beide lügen sich seit Jahren in die Tasche. Schrittweise gibt er zu, dass er die Anamnese nur gespielt hat, um herauszufinden, warum sie ihn ermorden wollte. Sie verteidigt sich, wie verletzend seine Theorien über die Ehe waren, die er als Kriminalautor als „Kleine Eheverbrechen“ publizierte.

Unter der Regie von Gabriele Gysi gehen die beiden Schauspieler, Maja Elsenhans und Knud Fehlauer im Kleinen Theater in die Vollen. Knud Fehlauer zieht alle Register der Hysterie, grimassierend, hyperventilierend, schreiend bis zum Anschlag. Ein bedrohliches, durch und durch unsympathisches Exemplar der männlichen Biedermanngattung und Paradebeispiel, dass das Leben mit ihm nur die Hölle sein kann.

Maja Elsenhans setzt auf die Verführerrolle. Als kokette Französin zieht sie die Sympathie des Publikums auf sich, selbst in dem Moment noch, als sie als Mörderin enttarnt wird. Humor und Poesie, wofür Eric-Emmanuel Schmitts Stücke bekannt sind, leuchten allerdings nur in wenigen Momenten auf. Dann ahnt man, was hätte sein können, wäre nicht schon wieder die nächste hysterische Exzentrik. Vor allem fehlt es am atmosphärischen Timing. Zu lang setzt Regisseurin Gabriele Gysi schon den Videovorspann an: Sehenswürdigkeiten von Paris, Rom, Moskau, Berlin, schließlich könnte die Geschichte überall spielen.

Die Inkongruenz der traditionellen Lieder, Kalinka dudelt in Berlin, läuft selbst als atmosphärische Parodie aus dem Ruder, ganz zu schweigen von den vielen zu langen Tanz- und Verführungssequenzen, die selbst eine versierte Schauspielerin wie Maya Elsenhans in Wiederholungsschleife nur noch aufgesetzt wirken lassen. Draußen auf der Straße knallen Terroristen, drinnen die „Kleinen Eheverbrechen“, ein weit hergeholter Zusammenhang, in dem sich explizit zeigt, wie szenisch plakative Oberflächenstrukturen emotionalen Tiefgang ersetzen.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 16.März 2016

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Beziehungsdrama im klassischen Krimi-Gewand
Premiere von "Kleine Eheverbrechen"im kleinen theater Landshut

„Stehen Mann und Frau vor dem Standesamt, sollte man sich fragen: Wer wird der Mörder sein?"

In Éric-Emmanuel Schmitts Zwei - Personen Stück "Kleine Eheverbrechen", das am Sonntag Premiere im kleinen Theater Landshut feierte, wird die Ehe zum Motiv und das gemeinsame Zuhause zum Tatort eines Verbrechens. Gilles, der nach einem Sturz das Gedächtnis verloren hat, kehrt nach einem Krankenhausaufenthalt zurück in seine Pariser Wohnung. Dort erwartet ihn seine Frau Lisa, die voller Verzweiflung versucht, Erinnerungen an  die Zeit vor dem Unfall auf der heimischen Treppe zu wecken. Doch Gilles kann sich an nichts mehr erinnern. Seine Haltung gegenüber Lisa ist zudem von Mißtrauen geprägt. Wie ein Kommissar aus einem Kriminalromanen hält er seine Ehefrau auf Distanz, verhört sie regelrecht und klopft die von ihr vorgetragene Version der Vergangenheit auf Sinnhaftigkeit ab. Dass er ein tadelloser Ehemann gewesen sein soll, will er nicht glauben. Und es stellt sich heraus, dass Gilles Zweifel berechtigt waren.

Wer sich von '"kleine Eheverbrechen" kurzweilige Unterhaltung mit lustigen Sprüchen über die ewig junge Dynamik einer Mann-Frau-Beziehung erhofft, wird von der Inszenierung Gabriele Gysis enttäuscht sein.

Das Stück ist vielmehr ein Psychodrama, ein "Whodunit" zwischenmenschlicher Abgründe. Spannung bezieht es aus der Frage: Was ist wirklich an jenem Tag passiert, an dem Gilles auf der Treppe stürzte, mit dem Hinterkopf auf einer Stufe aufschlug und jede Erinnerung an sein vorheriges Leben mit Lisa verlor?

Trotz Schwächen kommt keine Langeweile auf. Auf der Bühne stehen Maja Elsenhans und Knud Fehlauer. Sie nehmen das Publikum mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, der die Protagonisten mit leidenschaftlichen Darbietungen Rechnung tragen. Das sie ein frustriertes, ausgebranntes Ehepaar à La Liz Taylor und Richard Burton sind, will man ihnen dabei aber nicht so recht abnehmen. Sie wirken phasenweise eher wie Vater und Tochter - was sicherlich auch an Fehlauers übertriebenen altbackenem Erscheinungsbild mit Nadelstreifen und Gehstock liegt. Die Dialoge nehmen derweil nie genug Fahrt auf, um wirklich pointiert und bissig zu sein.

Man spielt sich nicht die Bälle zu. Fehlauers hysterische Wutausbrüche haben zudem eine retardierende, trägmachende Wirkung, die seinem Gilles bloß einen "kinski-esken" Anstrich verpassen. Elsenhans wirkt häufig wie ein aufgescheuchtes junges Ding, das eigentlich eine Dame mittleren Alters, die unter dem eigenen Älterwerden leidet und Sorgen im Alkohol ertränkt, ist.

Dass "Kleine Eheverbrechen" trotz dieser Schwäche einen unterhaltsamen Theaterabend bedeuten kann,  liegt an den vielen Überraschungen und Wendungen, die das Stück - ganz wie ein guter Krimi - auf Lager hat. So sind die rund 90 Minuten, die Elsenhans und Fehlauer auf der Bühne stehen, alles andere als langatmig - weshalb man auch das deplatziert wirkende Einspielen von "Ella, elle l`a" zum großen Finale sowie die Einarbeitung der Anschläge auf das Satire - Magazin "Charlie Hebdo" verzeihen möchte.

Alexander Graf, Wochenblatt, 16. März 2016